Theologische Grundlagen

Kompetenzorientierung

Theologische Grundlagen der Evangelischen Erwachsenenbildung

1. Evangelische Erwachsenenbildung

Die Evangelische Erwachsenenbildung versteht sich als kirchliches Arbeitsfeld mit einem eigenen Profil in der Bildungslandschaft.

1.1 Der Bildungsbegriff, dem die EEB verpflichtet ist, geht auf christliche Wurzeln zurück.

Der heute selbstverständlich gebrauchte Bildungsbegriff entstammt der deutschen Mystik des Mittelalters. Meister Eckhart sah es als eine nie abschließbare Aufgabe an, sich in das „Bild“ Gottes, wie es in der biblischen Tradition überliefert ist, „hineinzubilden“. Wer sich beispielsweise in die umfassende Liebe Gottes hineinversenkt, dessen Wesen werde von dieser Liebe „angesteckt“ und erfüllt, meinte er. 1

1.2 Evangelische Erwachsenenbildung geht von der Mündigkeit ihrer Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus. Dieser Ausgangspunkt gründet in einem Menschenverständnis, das von der jüdisch-christlichen Tradition geprägt ist und das die Reformation in die Wirklichkeit übersetzen wollte.

In seiner Geschichte hat das Volk Israel Gott erfahren. 2 Er ist kein unwandelbares „Prinzip“, sondern geht den Weg seiner Menschen mit. Deshalb ist es für das Selbstverständnis der Juden und der Christen wichtig, die eigene Geschichte immer wieder anzuschauen. Biographisches Lernen knüpft an diese uralte Tradition des jüdischen Lehrhauses an – aber ebenso an die verstehende Deutung der Zeitgeschichte.

Das Neue Testament macht diesen Zusammenhang noch einmal von einem anderen Grundgedanken her deutlich: Gott ist nicht „bei sich selbst“ geblieben, sondern Mensch geworden. Das wird als Ausdruck seiner liebevollen Zuwendung zu seinen Geschöpfen berichtet. Dieser Grundgedanke nimmt Menschen, die sich auf Jesus Christus einlassen möchten, in die Pflicht: Sie können ebenfalls nicht „bei sich selbst“ bleiben. Evangelische Erwachsenenbildung kann und will verstanden werden als eine besondere Form des „Bei-den-Menschen-Seins“.
3 Gottes Zuwendung zu seinen Geschöpfen ist nicht an religiöse, moralische, geschlechtsspezifische, rassische oder bildungsmäßige Voraussetzungen geknüpft. Sie gilt bedingungslos. Eine an dieser Tradition orientierte Erwachsenenbildung wird grundsätzlich keine Menschengruppen ausschließen und jedes Individuum als Person achten. 4 Ein verbreitetes Missverständnis sagt, Glaube sei „Privatsache“. Die Zuwendung Gottes meint aber alle Menschen. Indem Evangelische Erwachsenenbildung diese Zuwendung zu den Menschen praktiziert, hat sie Teil an dem Öffentlichkeitsbezug der christlichen Überlieferung.  5

1.3 Evangelische Erwachsenenbildung nimmt die Menschen in ihren individuellen und gesellschaftlichen Bezügen ernst.

Dafür hat sie inhaltliche und methodische Konzepte entwickelt.

Die Reformation wurde, weil sie die Subjekthaftigkeit des Menschen gegenüber vorgegebenen Instanzen betonte (z. B. durch die Berufung auf das individuelle Gewissen), als Vorläuferin der „Moderne“ bezeichnet. Sie hat damit Weichen gestellt, die zu den Grundlagen heutiger Erwachsenenbildung führen, vor allem dem Ernstnehmen des Subjekts. Dazu gehört wesentlich, dass der Mensch nicht zum Objekt pädagogischer Programme gemacht wird, die möglicherweise das Ziel verfolgen, einen vollkommenen „gebildeten“ Menschen zu erzeugen. Die Anerkennung, dass Menschen nicht „vollkommen“ werden müssen, bewahrt ihrer Identität die Freiheit.  6

1.4 Evangelische Erwachsenenbildung akzeptiert die gesellschaftliche und kirchliche Vielgestaltigkeit.

In ihrer praktischen Arbeit organisiert und strukturiert sie das Gespräch zwischen unterschiedlichen Positionen und Meinungen. Aus dem Wahrnehmen des Anderen ergeben sich Lernmöglichkeiten für die eigene Meinungsbildung und Orientierung.  7 Ein zentrales Anliegen der Reformation war es, alle Getauften als mündige, selbstverantwortliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im „Reich Gottes“ zu befähigen. Deshalb z. B. die Übersetzung der Bibel in die Landessprache: Jede und jeder sollte selbst das „Wort Gottes“ verstehen können und nicht abhängig bleiben von den Vorgaben der Theologen. Die Frage, was die Verheißungen und Zusagen der Bibel uns heutigen Menschen bedeuten, bedarf der gemeinsamen, mündigen Beratung aller Beteiligten. Oft geht es dabei vordergründig „nur“ um die Fragen einer guten, gelingenden Lebensgestaltung und -bewältigung.

1.5 Evangelische Erwachsenenbildung ist professionelle Bildungsarbeit.

In ihren Arbeitsformen unterscheidet sie sich nicht von der allgemeinen Erwachsenenbildung. In ihrer inhaltlichen Gestaltung legt sie jedoch großen Wert auf Unabhängigkeit, weil nur so die Themen und Fragen der ihr anvertrauten Menschen in offenen Lernprozessen bearbeitet werden können.

Von ihrer theologischen Grundposition her nimmt die Evangelische Erwachsenenbildung die Prinzipien und Ziele der allgemeinen Erwachsenenbildung auf, wie sie unter anderem im bayerischen Erwachsenenbildungs-Förderungs-Gesetz (EbFöG) ausgewiesen sind:

  • Sie ist Lernhilfe für die Einzelnen zur Lebensbewältigung: zur Selbstfindung, Kommunikationsfähigkeit, Orientierung, Emanzipation, Handlungsfähigkeit.
  • Sie ist als didaktisch-methodisch organisierter Lernprozess gestaltet und durch Zielgruppen-, Teilnehmer-, Problem- und Kompetenzorientierung gekennzeichnet.
  • Als lebenslanges Lernen entspricht sie den Anforderungen der (post)modernen Gesellschaft mit ihren zunehmenden Differenzierungs-, Individualisierungs- und immer schneller sich vollziehenden Modernisierungsprozessen auf allen Lebensgebieten.
  • Ihr Lernen vollzieht sich in Gruppen. Dadurch trägt sie zur Überwindung von Vereinzelung bei und fördert neue, offene und flexible Formen der Kommunikation.
  • Sie drängt auf Öffentlichkeit und will die Gesellschaft im Interesse der Einzelnen und Benachteiligten mitgestalten (nach W. Lück).

 

2. Evangelische Erwachsenenbildung und Kirche

2.1 Mit der Erwachsenenbildung hilft die Kirche ihren Mitgliedern, ihr eigenes Leben im gesellschaftlichen Umfeld verantwortlich zu gestalten.

Mit der Evangelischen Erwachsenenbildung bietet die Kirche den heutigen Menschen Hilfen an, ihr Leben sinnvoll zu gestalten und ihren Mitgliedern ein Übungsfeld zur selbständig verantworteten Gestaltung ihres Christseins: Arbeit an der eigenen Glaubens- und Lebensentwicklung, Schärfung des Gewissens, Aufruf zu und Einübung in soziale Verantwortung in Gesellschaft und Kirche und verantwortliche Weltgestaltung.

2.2 Mit der Erwachsenenbildung meldet sich die Kirche in Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung zu Wort und nimmt ihre Verantwortung wahr.

Die grundsätzliche Achtung vor dem Subjekt und die Offenheit der Lernprozesse ermöglichen es der evangelischen Kirche, sich mit ihrer Erwachsenenbildung am öffentlichen pluralstrukturierten Weiterbildungssystem zu beteiligen. Sie versteht insofern ihren Beitrag als Öffentlichkeitsarbeit, als sie in den öffentlichen Diskurs über Fragen der Politik, der Kultur, der Wissenschaft usw. die Einsichten aus der reformatorischen Tradition einbringt. Ihr liegt daran, dass der Glaube nicht im Privaten bleibt.

2.3 Mit der Erwachsenenbildung hat die Kirche teil an der „4. Säule“ des öffentlichen Bildungswesens und bringt sich hier als verantwortliche Partnerin ein.

Als Mitträgerin des öffentlichen Bildungssystems ist die evangelische Kirche mit ihrer Erwachsenenbildung auch für die Ausgestaltung dieses Systems insgesamt mitverantwortlich. Sie kann nicht schweigen, wenn das Verständnis von Bildung einseitig interpretiert wird. Sie muss widersprechen, wenn vor allem berufliche Bildung gefördert und Bildung allein unter Marktprinzipien organisiert wird und damit nur den Bessergestellten und Erwerbstätigen zugänglich bleiben soll. Sie muss den Staat an seine Pflichten erinnern und auf eine menschen- und zeitgerechte Ausgestaltung der Weiterbildung dringen.

2.4 Neben anderen kirchlichen Arbeitsfeldern ist die Erwachsenenbildung ein eigenständiges Arbeitsfeld.

Evangelische Erwachsenenbildung ist eine der kirchlichen Grundaufgaben. 8 Darum darf die Kirche von ihr erwarten, dass sie die gesamtkirchliche Zielsetzung mitträgt, dass Menschen dort etwas von der befreienden, sinnstiftenden Beziehung zu Gott erfahren, die durch Jesus Christus ermöglicht worden ist und dass sie zur Teilhabe an der Gemeinschaft der Glaubenden eingeladen werden. Es ist legitim, dass Evangelische Erwachsenenbildung sich daraufhin befragen lässt und Auskunft geben kann, inwiefern sie an dieser Zielsetzung Teil hat. Umgekehrt ist die Kirche in der Pflicht, diese Grundaufgabe auch angemessen zu unterstützen.

2.5 Durch die Erwachsenenbildung entwickelt die Kirche ihre eigenen Lebens- und Gestaltungsformen weiter.

Evangelische Erwachsenenbildung eröffnet der Kirche die Möglichkeit, ihre eigene Arbeit pädagogisch-fachlich zu durchdringen. Damit hilft sie, autoritäre Strukturen und Einbahnkommunikation in der Kirche abzubauen und Partizipation einzuüben. Sie setzt sich für benutzerfreundliche Strukturen ein und fördert die regionale Zusammenarbeit. Dadurch stärkt sie die „mittlere Ebene“.

2.6 Mit der Erwachsenenbildung nimmt die Kirche neue Formen der eigenen Mitgliedschaft und Beteiligung ernst, die den heutigen Menschen entsprechen.

In der zeitlich begrenzten (projektbezogenen) Teilnahme an Veranstaltungen der Evangelischen Erwachsenenbildung sieht die evangelische Kirche neben anderen eine gegenwärtig mögliche vollgültige Aktualisierung von Kirchenmitgliedschaft und Chancen zu aktiver Mitgestaltung durch Ehrenamtliche.

3. Ethische Orientierung und Urteilsbildung

Weil es der Evangelischen Erwachsenenbildung um die wesentlichen Fragen der Menschen geht, trägt sie zur Bildung eines klaren Urteils in den individuellen und sozialen Konfliktfeldern bei.

Evangelische Erwachsenenbildung orientiert sich an den Menschenrechten. Die Würde des einzelnen Menschen gilt ihr als unantastbares Gut. In ihrer Konzeption und ihren Arbeitsformen unterstützt sie die demokratische Staats- und Gesellschaftsform; ihr Demokratieverständnis entspricht der Überzeugung, dass Menschen vor dem Missbrauch der Macht durch Gewaltenteilung und die Gewährung von Freiheitsrechten geschützt werden müssen. 9

Angesichts des Ausfalls allgemein anerkannter tradierter Wertvorstellungen in der pluralen (post)modernen Gesellschaft hat die Evangelische Erwachsenenbildung die Aufgabe, an der ethischen Orientierung und Urteilsbildung mitzuwirken.  10

Evangelische Erwachsenenbildung orientiert sich inhaltlich an den Schlüsselproblemen der Menschheit. Wesentliche Themen, die sie aufzugreifen hat, gelten dem ökumenischen Lernen, das sich auf Probleme und Aufgaben des „bewohnten Erdkreises“ bezieht und die Fragen des Konziliaren Prozesses aufgreift: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Vom Bewusstsein der „Einen Welt“ her gewinnt sie inspirierende Impulse. Sie verweigert sich einer Weiterbildung, die lediglich dem Konkurrenz- und Anpassungslernen dient.  11

4. Religiös-theologische Bildung

Evangelische Erwachsenenbildung hat in den Fragen der Menschen ein Gespür für die dahinter liegende Gottesfrage. Diese wird freilich im Dialog häufig eher verschlüsselt gestellt. Theologische Erwachsenenbildung geht dieser Fragestellung explizit nach.

Ein Spezifikum der Evangelischen Erwachsenenbildung ist die religiös-theologische Bildung. Sie begründet sich in der Tatsache, dass Religion ein anthropologisches Wesenselement menschlicher Gesellschaften ist. Evangelische Erwachsenenbildung versteht deshalb theologische Bildungsarbeit als einen genuinen, unverzichtbaren Beitrag zur Reflexion und Gestaltung der Kultur, die sich ohne ihre religiösen Prägekräfte (christlich-abendländische Geschichte) nicht erklären und begreifen lässt. Eine lebendige Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur aber ist nötig, um verbindliche Werte zu gewinnen, auf die auch eine pluralistisch-demokratische Gesellschaft angewiesen ist. 12

Evangelische Erwachsenenbildung hat demnach die Aufgabe, ein Bewusstsein wachzuhalten für Kunst und Architektur, Symbole, Rituale und sinnstiftende Deutungszusammenhänge, Texte, Lieder, Gebete, Erzählungen, die den Menschen helfen, auch kritische Lebensphasen zu bewältigen. 13

Bei der Bearbeitung religiöser Fragen weiß sich die Evangelische Erwachsenenbildung dem aufklärerischen Erbe verpflichtet. Sie hat die Aufgabe, Menschen bei ihrer religiösen Suche zu begleiten, religiöse Phänomene zu verstehen und kontrollierte Grenzüberschreitungen zu inszenieren, um das Nicht-Ökonomische in der Ökonomie, das Nicht-Technische in der Technik, das Nicht-Politische in der Politik, das Nicht-Religiöse in der Religion (etc.) wahrzunehmen.  14

Der christliche Glaube muss daran interessiert bleiben, Beziehungen herzustellen zwischen religiöser und politisch-gesellschaftlicher Überzeugungsbildung. Dieses unaufgebbare „missionarische“ Interesse hat die Evangelische Erwachsenenbildung verantwortlich wahrzunehmen.  15

Evangelische Erwachsenenbildung hat die Aufgabe, die religiösen Erfahrungen der Menschen ernst zu nehmen, zu erweitern/zu vertiefen und sie im Zusammenhang mit der christlichen Tradition zu reflektieren, elementare, erfahrungsbezogene Kenntnisse des christlichen Glaubens zu vermitteln und die befreiende und verkrümmende Geschichte der Kirchen kritisch zu reflektieren. 16

 

Hans Harald Willberg

Hans Harald Wilsberg

Pfarrer im Ruhestand,
Ehemals Theologischer Leiter der AEEB

 


Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern e.V. (AEEB),
Herzog-Wilhelm-Straße 24, 80331 München