Selbstverständnis und Auftrag der Evangelischen Erwachsenenbildung

 

Selbstverständnis und Auftrag der Evangelischen Erwachsenenbildung

Evangelische Erwachsenenbildung ist eine Grundaufgabe der Kirche. Sie steht im Kontext des kirchlichen Bildungshandelns und trägt zur Weiterentwicklung des kirchlichen Lebens bei.

Erwachsenenbildung in kirchlicher Trägerschaft hat Teil am öffentlichen Weiterbildungssystem; sie bezieht sich sowohl auf kirchliche als auch auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Erwartungen.

 

Erwachsenenbildung

Die Evangelische Erwachsenenbildung ist der reformatorischen und humanistischen Bildungstradition verpflichtet. Die Persönlichkeit eines Menschen in ihrem jeweiligen Lebenskontext, mit der Frage nach individuellem Sinn und sozial verantwortetem Handeln steht im Mittelpunkt. Ziel ist es, den Menschen in seinem Selbstbewusstsein und in seiner Identitätsbildung zu stärken, seine Urteilsfähigkeit zu fördern und ihn zu gesellschaftlicher Verantwortung zu ermutigen.

Evangelische Erwachsenenbildung steht in der Tradition von Erwachsenenbildung überhaupt. In Abgrenzung zur beruflichen Fort- und Weiterbildung, die ökonomischen Kriterien unterliegt, ordnet sie sich der allgemeinen Weiterbildung zu und versteht sich als lebensbegleitende Bildung.

Evangelische Erwachsenenbildung gründet in der Kommunikation des Evangeliums und verortet sich im Kontext des evangelischen Bildungshandelns. Neben Kindertagesstätten, Schule, Religionsunterricht, Konfirmanden- und Jugendarbeit ist sie ein eigenständiger Bereich und hat Anteil an der Entwicklung von Kirche, speziell in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Prozessen.

 

Bildungsverständnis und Bildungsziel

Bildung ist Voraussetzung für die Gestaltung des persönlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens in einer pluralen und sich verändernden Welt. Das knüpft an die reformatorische Vorstellung von der Selbstbestimmung des Menschen an.

Evangelische Bildung in der Arbeit mit Erwachsenen setzt auf Lebensvertiefung und Lebenserweiterung. Der schnelle gesellschaftliche Wandel, die Ausdifferenzierung der Gesellschaft und die Individualisierung der Lebenswelten verlangen Flexibilität in Denken und Handeln, Orientierungsmöglichkeiten und Entscheidungsfähigkeit, Selbstverantwortung und gesellschaftliche Mitverantwortung. Um den Menschen in seinem heutigen Lebenskontext anzusprechen gilt es, intellektuelle und emotionale Bedürfnisse wahrzunehmen und Bildungsräume in zeitgemäßen Formaten und Settings zu eröffnen. Insofern ist evangelische Bildungsarbeit ganzheitlich und mehrdimensional ausgerichtet.

Bildung evangelisch fördert Potentiale für das Leben hinsichtlich einer Entfaltung der Persönlichkeit und der aktiven Teilhabe an der Gesellschaft. Dazu gehören ein ethisch verantwortetes Zusammenleben, die Gestaltung einer gerechten Sozialordnung, die Erhaltung einer natürlichen Umwelt, Begegnungen im interkulturellen und interreligiösen Kontext. Die persönlichen Lebensbezüge in Partnerschaft, Familie und Beruf sind hier ebenso einbezogen wie religiöse und spirituelle Erfahrungsbereiche und eine Lebensqualität bis in das hohe Alter

 

Theologische Leitlinien und Wertebindung

Vor dem biblischen Hintergrund wird der Mensch individuell und in seinen gesellschaftlichen Bezügen gesehen und gewürdigt. In der Einmaligkeit eines jeden einzelnen Menschen liegt dessen uneingeschränkte Würde. Der von Gott angesprochene, geliebte und gerechtfertigte Mensch mit seinen Gaben und Stärken und ist das Maß für Bildung. Im Auftreten und in der Verkündigung Jesu wird deutlich, dass Gottes Zuwendung zu den Menschen nicht an religiöse, moralische, rassische, geschlechts- oder milieuspezifische Voraussetzungen gebunden ist. Sie gilt bedingungslos.

Die Vorstellung von der Ebenbildlichkeit Gottes bezieht sich auf den ganzen Menschen, auf die Erscheinung, das geistige Wesen des Menschen. Sie umfasst Persönlichkeit und sittliche Entscheidungsfähigkeit. In ihrer mehrdimensionalen Ausrichtung beziehen sich Bildungsprozesse auf den Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele. Der ganzheitliche Ansatz steht einem Bildungsverständnis, das ausschließlich auf Verwertbarkeit und Ökonomisierung abhebt, entgegen.

Aus der Berufung heraus, Geschöpf und Ebenbild Gottes zu sein, ist jeder Mensch dazu bestimmt, selbst Subjekt seiner Lebensgeschichte zu sein und damit auch seines Bildungsprozesses. Es gehört zum reformatorischen Erbe zu fragen, welche Bildung im Lebenslauf von Menschen notwendig ist und welche Bildungsangebote bedarfsgerecht passen. Das Gebot der Nächstenliebe umschließt die Sorge um das, was andere Menschen in ihrer Persönlichkeitsentfaltung fördert, was sie in ihrer Lebensgestaltung aus Freiheit und Verantwortung weiterbringt, wie sie an der Gesellschaft teilhaben können, wie Spiritualität und Glaube das Leben stärken können.

Bildung gehört zum Prozess der Menschwerdung. Wenn das Evangelium auf das Ganze geht, dann will auch der ganze Mensch angesprochen sein, in seinem Denken und Fühlen, in seinen Stärken und in seiner Gebrochenheit, in seinem Wissen und Glauben, in seiner Individualität und Verantwortung.

Die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit in ihrer Beziehung zu anderen Mensch, zur Welt und zu Gott steht im Zentrum des evangelischen Bildungshandelns. Es ist ein dynamischer und ganzheitlicher Prozess, in dem sich Menschen auf ihrem Lebensweg eine Meinung bilden, ihre Haltung formen, Situationen bewerten, Krisen bearbeiten, ihr Leben deuten. Dies begründet theologisch das Motiv vom mitgehenden Gott.

 

Herausforderungen und Perspektiven

Die Evangelische Erwachsenenbildung ist für die ELKB in den kommenden Jahren ein profilbildender Arbeitsbereich, der auf aktuelle Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft mit professionellen Leistungen reagiert. Im Rahmen ihres Innovationsprozesses („Innovation Bildung 2017“) hat sie sich in den vergangenen Jahren als Motor für Kirchenentwicklung neu profiliert.

Die Evangelische Erwachsenenbildung ist kirchlich verankert und gesellschaftlich ausgerichtet: Bildung als Orientierung in den Umbrüchen der Gesellschaft: interreligiöse und interkulturelle Bildung, Glaubensbildung, Meinungsbildung im Blick auf ethische Herausforderungen sowie politische Bildung (Mitgestaltung der Gesellschaft).

Gesellschaftlicher und kultureller Diskurs in der Region angesichts einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft und des religiösen Traditionsabbruchs (Stärkung der Präsenz von Kirche im öffentlichen Raum).

Lebensbegleitende Bildung als profilbildender kirchlicher Arbeitsbereich: intergenerative Bildung (Eltern-Kind-Arbeit, Generationenarbeit), Menschen in der dritten Lebensphase (60 bis 80-Jährige), Lebensumbrüche.

Evangelische Erwachsenenbildung bietet Qualifizierungen und Begleitung der Ehrenamtlichen. Sie initiiert Bildungsprozesse und entwickelt dazu neue Formate für kirchliche Angebote (z.B. für Gemeindeentwicklung).

Erwachsenenbildung fördert Vernetzungen im innerkirchlichen Bereich (z.B. Gestaltung der „Willkommenstage für neue Mitarbeitende in Kirche und Diakonie“) sowie mit gesellschaftlich relevanten Bildungsträgern und Initiativen (evangelische Stimme in öffentlichen Kontexten).

Evangelische Kirche ist Bildungskirche. Es gehört zum reformatorischen Erbe zu fragen, welche Bildung im Lebenslauf von Menschen notwendig ist und welche Bildungsangebote bedarfsgerecht passen.

 

Dr. Jens Colditz


Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern e.V. (AEEB),
Herzog-Wilhelm-Straße 24, 80331 München