Die vier Lerntypen: ein Mythos?

Die meisten Lehrenden und auch viele Lernenden sind im Laufe Ihres Lebens schon einmal auf die Lerntypen nach Vester[1] gestoßen. Seine Theorie besagt, dass wir am besten lernen, wenn wir entsprechend unserer Lerntypen lernen:

  1. Der Auditive Lerntyp lernt am besten „durch Hören und Sprechen“
  2. Der Visuelle Lerntyp lernt am besten „durch das Auge, durch Beobachtung“
  3. Der Haptische Lerntyp lernt am besten „durch Anfassen und Fühlen“
  4. Der Kognitive Lerntyp lernt am besten „durch den „Intellekt“

Auf den ersten Blick ist es durchaus verständlich warum diese Aufstellung so populär ist. Trotzdem wird diese Einteilung in Lerntypen heute vielfach und stark kritisiert.

Nach dieser Theorie erfolgt bei den ersten drei Lerntypen das Lernen und Verstehen von komplexen Zusammenhängen allein über die Sinneskanäle, während nur der vierte Lerntyp eine eigene kognitive Leistung erbringt.

„Durch diese Art der Einteilung negiert Vester die intellektuelle Leistung bei den Typen 1 bis 3 und behält sie stattdessen ausschließlich dem Lerntyp 4 vor. Vester setzt andererseits die Wahrnehmung eines Phänomens ineins mit der Abstraktionsleistung zur Erklärung dieses Phänomens, d.h. wahrnehmen = lernen bzw. verstehen.“

Looß, Maike: Lerntypen? Ein pädagogisches Konstrukt auf dem Prüfstand. Erschienen in: Die Deutsche Schule, 93 (2001) 2, S. 2.

Das würde bedeuten, dass ein Haptischer Lerntyp in der Grundschule lernen kann zu schreiben, indem er mit Bauklötzen in Form von Buchstaben spielt oder, dass ein Visueller Lerntyp eine physikalische Formel dadurch versteht, dass er sich ein Experiment dazu ansieht. Aber wie soll das möglich sein, ohne dass der Lernende eine kognitive Leistung erbringt – sprich: ohne dass er denkt?

Ein weiteres Argument der Kritiker der Lerntypen-Theorie ist, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass der verständnisorientierte Wissenserwerb durch eine Berücksichtig der Lerntypen gefördert wird. So haben z.B. Pashler, McDaniel, Rohrer und Bjork 2008 für die Zeitschrift „Psychological Science in the Public Interest“ zahlreiche Studien zum Thema Lerntypen untersucht. Dabei kamen Sie jedoch zu dem Ergebnis, dass diejenigen Studien, die wissenschaftlich einwandfrei durchgeführt wurden, nicht belegen konnten, dass die Berücksichtigung von Lerntypen einen positiven Effekt hat.[2]

„The contrast between the enormous popularity of the learning-styles approach within education and the lack of credible evidence for this utility is, in our opinion, striking and disturbing.”

Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D. & Bjork, R.: Learning Styles: Concepts and Evidence. In: Psychological Science in the Public Interest, 9 (2008) 3, S. 117.

Zwar deutet vieles darauf hin, dass die vier Lerntypen nach Vester tatsächlich nicht mehr sind als ein Mythos, trotzdem ist sein Modell hilfreich – zumindest wenn das Lernen über die Sinneskanäle nicht zum Selbstzweck wird. Es ist eine Erinnerung daran, dass eine gewisse Methodenvielfalt dazu beitragen kann das Interesse der Lernenden zu wecken und die Aufmerksamkeit zu erhalten.

Aber was hilft denn nun beim verständnisorientierten Wissenserwerb? Dazu gibt es zwar noch keinen Königsweg, aber verschiedene Pfade, die in die richtige Richtung führen. Zum einen zeigen die bisherigen Forschungen, dass zwei der wichtigsten Punkte für „tiefgehende Verarbeitungsprozesse“ das Vorwissen und das Interesse am Thema, bzw. die Eigenmotivation sind.[3] Um einen Bogen zum Vorwissen zu schlagen und Interesse zu wecken, können kreative oder sogar absurde Vergleiche helfen. Mein Mathelehrer in der Schule hat damals die negativen Zahlen mit dem folgenden Worten eingeführt: “Stellt euch vor, Susi hat 3 Meerschweinchen in ihrem Käfig. Wenn sie jetzt 5 Meerschweinchen aus dem Käfig nimmt, wie viele muss sie wieder reintun damit der Käfig leer ist?” Das ganze hat er damals an der Tafel visualisiert indem er mit bunter Kreide eine krummen Käfig und glupschäugige bunte Postits aus dem Käfig hinein und hinausbewegt hat.

Dieser Lehrer hat es damals geschafft das Interesse der ganzen Klasse zu wecken. Zum einen durch Humor und zum anderen mit den Meerscheinchen, die damals sehr populär waren. Aber den Grundstein für echtes Verständnis hat er gelegt, indem er uns zum eigenständigen Denken angeregt hat.


[1] Vester (1975).

[2] Pashler, et al. (2008), S.117.

[3] Looß (2001), S. 13.

Quellen:

Looß, Maike: Lerntypen? Ein pädagogisches Konstrukt auf dem Prüfstand. Erschienen in: Die Deutsche Schule, 93 (2001) 2, S. 186-189. https://www.lernumgebungen.ch/files/artikel_buecher/maike_loos_lerntypen_2001.pdf [zuletzt abgerufen am 08.12.2020]

Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D. & Bjork, R.: Learning Styles: Concepts and Evidence. In: Psychological Science in the Public Interest, 9 (2008) 3, S. 103-119. https://www.psychologicalscience.org/journals/pspi/PSPI_9_3.pdf [zuletzt abgerufen am 08.12.2020]

Vester, Frederic (1975): Denken, Lernen, Vergessen. Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann läßt es uns im Stich? Stuttgart.

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