Bildung im Angesicht des Ukraine-Krieges – und was ein Osterhase damit zu tun hat…

Eine Momentaufnahme von Prof. Dr. Hans Jürgen Luibl (Vorstand AEEB)

Der Krieg in der Ukraine hat unendliches Leid gebracht, zerstört Lebensräume, treibt Menschen in die Flucht. Und er weckt europaweit, weltweit Ängste: die alten, vertrauten Ordnungen zerfallen, wo Gewalt regiert. Doch es gibt auch das Andere: Stärkung der Widerstandskraft, eine große Bereitschaft zur humanitären Hilfe und Überlegungen, wie man über den Krieg hinaus ein neues, auch ökologisch nachhaltiges, gerechteres Miteinander aufbauen könnte. Und mittendrin die Kirchen und die Gemeinden: mit humanitärer Hilfe und vor allem mit Friedensgebeten, das sind Schutzräume der Seele, die Kraft geben für Kommendes. Wer betet, fängt an, anders zu denken.

Vom Friedensgebet zur Friedensethik in Zeiten des Krieges

Mittendrin auch evangelische Bildungsarbeit. Vor allem größere Einrichtungen unserer Erwachsenenbildung haben umgehend zu Gesprächen und Vorträgen eingeladen – verlässliche Hintergrundinformationen, gerade im Bereich der Friedensethik, bereitstellen und dies in einen Raum, in dem Menschen miteinander reden, Ängste und Erfahrungen austauschen können. Das ist eine unserer Stärken: gemeinsam jenes Wissen erschließen, das in unsicheren Zeiten Orientierung schafft. Dazu gehört etwa auch eine Aktion in Erlangen: „Um Gottes Willen: Frieden schaffen! Aber wie?“ Es ist eine Straßenaktion: mitten in Erlangen steht ein Team bereit, um Meinungen zu erfragen, ins Gespräch zu kommen und diese Stimmen, Gesichter und Geschichten dann auch im Netz weiter zu verbreiten.

Ein Trailer dazu findet sich unter diesem Link: https://www.bildung-evangelisch.de/2022/03/17/um-gottes-willen-frieden-aber-wie/

Orientierung im Alltag

Das sind nur einige Beispiele, die auffallen, weil sie Krieg und Frieden im Titel haben. In unserer Bildungsarbeit nehmen Krieg und Krise und wie damit umzugehen ist, einen immer größeren Raum ein. Was in Coronazeiten in der Trauerarbeit schon begonnen hat, wird fortgesetzt: mit Traumata der Kinder – speziell geflüchteter Kinder – , aber auch der Alten, die noch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg haben, umzugehen. Hier erhält eine längst geplante Schreibwerkstatt ihr aktuelles Thema, dort werden Links in der Familienarbeit verschickt, die helfen können, mit Kindern über den Krieg zu sprechen. Auch wenn die Menschen mit Fluchterfahrung 2022 andere sind als jene von 2015: an manchen Orten können wir die „alten“ Helferkreise wieder aktivieren, Ehrenamtliche sind neu zu schulen, Netzwerke sind wiederaufzubauen, Kulturdolmetscher auszubilden. Es wird auch wichtig sein, Menschen, die Wohnraum zur Verfügung gestellt haben, zu begleiten. In den Kommunen werden Sprachkurse angeboten, aber Integrationsarbeit greift weiter: Es geht darum, Geflüchteten Alltagsorientierung zu geben, Lebensräume zu eröffnen, etwa durch Begegnungen in Kirchengemeinden, in Begegnungscafés. Gemeinden haben die Räume, seltener die Kapazität, solche Begegnungen zu organisieren: Menschen in ihrer besonderen Situation und ihrer Sprache anzusprechen, Vertrauen zu schaffen. Ein zentrales Motiv evangelischer Erwachsenenbildung ist: Menschen sprachfähig machen – und das beginnt damit, dass Flyer zweisprachig sind, dass Übersetzer bei Veranstaltungen anwesend sind – noch bevor Sprachkurse besucht werden können.

Diese Bildungsarbeit gelingt, wenn die Zusammenarbeit mit Gemeinden, mit Diensten und Werken vor Ort organisiert wird, wenn also Bildungswerke Dienstleister im Dekanat werden. So hat etwa das Dekanat Regensburg eine Partnerschaft mit der Evangelisch-lutherischen Gemeinde St. Paul in Odessa. Das EBW koordiniert für das Dekanat die Hilfsangebote, konkret Angebote für ehrenamtliches Engagement, für Wohnraum und für Spendenaktionen. Und es wurde unter anderem ein Förderverein zur Unterstützung der Diakonie in Odessa gegründet.

Was für Gemeinden gilt, gilt auch für (evangelische) KiTas: schon im normalen Betrieb sind Leitungen ausgelastet, Corona hat zur Überlastung geführt – und um Flüchtlingskinder aufnehmen zu können, braucht es Hilfe. Hier könnte uns helfen, dass an manchen Stellen Familienbildung explizit an und mit Kindertagesstätten gekoppelt wurde.

Wo persönliche Begegnung und interkultureller Austausch gesucht werden, sind dies auch Gelegenheiten vom anderen zu lernen. – In einer Krabbelgruppe hat eine Ukrainerin gezeigt, wie man aus Stoff einfach eine Osterhasen-Puppe bastelt – diese hat eine Schlaufe, sitzt somit fest am Finger und die Erwachsenen haben die Hände frei, die Kleinen auf dem Arm zu halten, ohne dass das Spielzeug auf den Boden fällt … Es ist eine Tradition aus der Ukraine, die mit Ostern wenig zu tun hat, aber ein österliches Zeichen ist. Und von den Müttern in der Krabbelgruppe gerne aufgenommen wurde.

Europaweit – Europa so nah

Zu einem der Charakteristika der Evangelischen Erwachsenenbildung gehört, dass sie sich nicht in den Grenzen des Bekannten festhalten lässt. Dazu gehört unter anderem auch die geographische, kulturelle und religiöse Weite der Arbeit. Studienreisen im europäischen Raum gehören dazu und damit die Chance, mit Menschen aus anderen Staaten und Kulturen in Kontakt zu kommen. Nichts hat der europäischen Idee mehr geschadet als der Rückzug ins Nationale, nichts ist derzeit wichtiger als wieder mit Menschen in anderen Vorstellungswelten ins Gespräch zu kommen. Die Studienleiterin Carina Harbeuther von „bildung evangelisch in Europa“ hat mit einem Kollegen eine Arbeits-Reise durch Ostmitteleuropa gemacht, um Originaltöne einzufangen – sie werden ab April als Videoclips zur Verfügung stehen. Neben der Weite Europas ist auch das Europa vor Ort wichtiger geworden, nicht erst durch die Flüchtlinge. Europa ist vor Ort – große internationale Firmen und auch Universitäten bieten Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten, Facharbeiter*innen mit ihren Familien leben hier, auf Zeit, auf Dauer. Mit den ESGn (Environment, Social, Governance) und ihrer interkulturellen Kompetenz ließe sich hier manches aufgreifen. Nicht immer sind sie in Kommunen und Gemeinden integriert, leben in ihren Communities. Was wissen wir über die griechisch- oder türkischsprachigen Communities, über die orthodoxen Christen in Rumänien oder Russland? Vielleicht wäre es an der Zeit, ein stärkeres Miteinander – gottesdienstlich und im Gemeindeleben – mit russischsprachigen Christ*innen vor Ort anzugehen. Es gibt eine Fülle von nicht-deutschsprachigen evangelischen Gemeinden und Gruppen, auch in Bayern. Dafür gibt es sogar eine Fachstelle in der ELKB. Auch dies birgt Chancen für einen intensiveren Austausch. Auswanderer aus Russland haben zum Teil in unseren Gemeinden Aufnahme gefunden und vielleicht ist jetzt gerade eine gute Zeit, ihre Erfahrungen und Dolmetscherfähigkeiten einzusetzen. Es ist nicht leicht zwischen diesen Gruppen und Ethnien Kontakte herzustellen, aber auch das ist eine Herausforderung für die niederschwellige, aber sehr anspruchsvolle Bildungsarbeit.

Stärkung unserer Arbeitsbereiche im Zeichen der Krise

Evangelische Erwachsenenbildung war immer schon bedarfsorientiert und den Fragen der Menschen und der Zeiten verpflichtet. Bildung im Zeichen der Krise bedeutet damit nicht, aktivistisch völlig neue Bildungsformate zu entwickeln, sondern in den bestehenden Arbeitsfeldern, in den Netzwerken von den Gemeinden bis hin in den Sozialraum die drängenden Themen aufgreifen. Um die EEB dabei zu stärken, wird im Rahmen der AEEB überlegt, einen speziellen Servicebereich auf der Homepage einzurichten, in dem wichtige Veranstaltungen und Angebote gelistet sind – auch als Ideenbörse für die Einrichtungen -, Fördermöglichkeiten (inklusive Coaching durch die Landesstelle) aufgezeigt werden, Hintergrundinformationen und Links zur Bildungsarbeit in der Krise zu finden sind.

Was hier beschrieben ist, das sind Beispiele, Ideen und Planungen in unseren Bildungseinrichtungen, das, was uns in der Krise bewegt und was wir bewegen können. Wir können und brauchen nicht an allen Stellen alles zu leisten, aber wir können tun, was nötig ist, was möglich ist. Dem Dachverband wird noch mehr die Aufgabe zukommen, den Informationsaustausch zwischen den Einrichtungen und Arbeitsfeldern zu koordinieren – und dabei zu lernen, was Pädagogik in der Krise leisten kann, auch jenseits abrechenbarer Statistikleistung. Wir haben Kompetenzen im interkulturellen Bereich, haben Krisen-Erfahrungen gemacht, haben Netzwerke – von den Gemeinden bis hin zu Kooperationspartner*innen – Gespür dafür, was Menschen brauchen. Und wir werden uns dabei auch in unserer Arbeit verändern – offener, internationaler, niederschwelliger werden!

P.S.: In Kürze werden wir auch über zusätzliche Möglichkeiten der Finanzierung informieren….

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