Aus der Praxis: Lebenslanges Lernen für Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten

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„Mensch zuerst“ als Selbstvertretungsgruppe lehnt den diskriminierenden Begriff „geistige Behinderung“ ab und fordert, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten ein Leben lang lernen dürfen und dabei Hilfe bekommen sollen (1). Diese Forderung greift auch Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention auf und verpflichtet die Vertragsstaaten dazu, für Menschen mit Behinderungen „…dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen…“(2). – Erwachsenenbildung bietet beste Voraussetzungen für inklusive Bildung. In der Umsetzung für Menschen mit Lernschwierigkeiten sind allerdings einige Rahmenbedingungen sowie individuelle Unterstützung besonders wichtig.

Ein Bericht von Reinhold Steurer, Leiter des Augustinum Bildungswerks in Oberschleißheim

Seit 1977 bietet das Augustinum Bildungswerk Kurse für Menschen mit Lernschwierigkeiten im Großraum München an – bereits zu einer Zeit also, in der das Bildungspotential dieser Personengruppe gerade auch im Erwachsenenalter noch nicht allgemein erkannt wurde. Nach und nach entwickelte sich unser kleines Heft „Der TIP – Mach mit“ zu einem umfangreichen Programm, das fachlich immer weiter ausdifferenziert und in unterschiedlichsten Angebots-Formaten umgesetzt wird. Die Kurse werden von pädagogisch und fachlich qualifiziertem Personal durchgeführt und basieren auf den Wünschen und Bedarfen der Teilnehmer*innen. Selbst- und Mitbestimmung sowie das Erlernen zunehmender Selbstständigkeit sind wichtige Elemente.

Die primäre Zielgruppe ist an sich schon heterogen: Menschen mit leichten bis schweren kognitiven Einschränkungen, teilweise Mehrfachbehinderungen, autistischen Zügen und psychischen Auffälligkeiten gestalten die individuellen Voraussetzungen sehr unterschiedlich. Aber auch Menschen ohne Behinderungen oder mit anderen Einschränkungen sind natürlich willkommen.

Die persönlichen Vorerfahrungen der Kursteilnehmerinnen und die Orientierung an ihren individuellen Lerntempi spielen v.a. für den Lernerfolg der Hauptzielgruppe eine zentrale Rolle. Das Lernen in den TIP-Kursen geschieht daher in kleinen Schritten, praxisorientiert und in kleinen Gruppen. Die Ausschreibung der Kurse erfolgt in leichter Sprache, bebildert, mit Signets und Symbolen, um auch Menschen mit geringen oder keinen Lese-Schreibkenntnissen eine selbständige Entscheidung über ihre Teilnahme zu erleichtern. Die Kursorte sind oft an bekannte räumliche und strukturelle Gegebenheiten angebunden zur Unterstützung einer möglichst selbständigen Teilnahme. Ein sehr wichtiger Bestandteil des Angebots sind Wochenend-Seminare sowie Bildungs- und Kulturreisen, die längere und gut strukturierte Lernphasen auch in Untergruppen ermöglichen. Individuelle Vorabinformationen über die Teilnehmerinnen helfen, im Kurs selbst möglichst selbstständiges Lernen ohne zusätzliche Assistenz zu realisieren. Durch aktive Zusammenarbeit mit dem Umfeld können je nach Kursinhalt Lernfortschritte längerfristig gesichert bzw. auch Transfersituationen unterstützt werden.
Der vorbereitende und pädagogische Aufwand ist finanziell nicht in den Kursgebühren abbildbar, denn viele Teilnehmerinnen verfügen nur über ein sehr geringes Einkommen. Somit sind über die persönlichen Kursgebühr hinaus wesentliche strukturelle und finanzielle Mittel erforderlich. Die Kursleiterinnen benötigen grundlegende pädagogische und kursspezifische fachliche Kompetenz. Oft ist auch die Bereitschaft erforderlich, Unterstützungen über den Kursinhalt hinaus zu leisten.
Zielgruppenorientierte Erwachsenenbildung ermöglicht Menschen mit Lernschwierigkeiten ein Lernen in immer wieder neuen Lebenssituationen. Durch die regelmäßige Teilnahme werden Selbständigkeit und Selbstbestimmung, Fähigkeiten und Fertigkeiten gefördert und auch bei fortschreitendem Alter erhalten. Der emanzipatorische, kompensatorische, soziale und christliche Ansatz der kirchlichen Erwachsenbildung ist sehr gut geeignet, Inklusion zu fördern. Unterschiedliche Menschen können sich in einem persönlichen und doch strukturierten Rahmen auf Augenhöhe begegnen, gemeinsame Veranstaltungen besuchen und voneinander lernen. – Christliche Erwachsenenbildung und die Kirche können so selbst Orte der Inklusion werden!

Einen Link zur Homepage des Augustinum Bildungswerks finden Sie hier:

Das Augustinum “TIP-Programm” finden Sie unter:
https://www.hpca.de/fileadmin/Redaktion/Bilden_Foedern_Fordern/21-00210_Augustinum_Jahresprogramm.pdf

Quellenangaben:
(1)http://www.menschzuerst.de/pages/startseite/wer-sind-wir/grundsatz-programm.php# Homepage People First Grundsatzprogramm Kindergarten, Schule und Bildung
(2)https://www.lwl.org/lja-download/datei-download-schulen/UN_Konvention_fuer_die_Rechte_von_Menschen_mit_Behinderungen_Inklusion/Inklusive_Beschulung/Tagungsdoku/1288330256_0/UN-Konvention_Artikel_24.pdf

Text: Reinhold Steurer (Leiter Augustinum Bildungswerk)
Foto: HPCA Bildungswerk

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