Abgehängt oder vernetzt? – Senior*innen im Digitalzeitalter

In der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Medien (EAM) spielt die Medienbildung von Frauen, insbesondere von älteren Frauen schon seit über fünfzig Jahren eine zentrale Rolle. Während zunächst die klassischen Medien im Fokus standen, hat sich die EAM bereits Anfang der 2000er mit den neuen, digitalen Medien beschäftigt und wurde daher einer der ersten Digital-Kompass-Standorte in München. Heute ist sie Anlaufstelle für alle Senior*innen, die Unterstützung/ Hilfe mit den digitalen Medien und Anwendungen benötigen sowie für Multiplikator*innen und Bildungseinrichtungen, die Angebote rund um digitale Medien schaffen möchten.

Ein Bericht von Sabine Jörk (Vorsitzende der EAM des Deutschen Evangelischen Frauenbund Landesverband Bayern e.V., Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin)

Die Corona-Pandemie hat gesamtgesellschaftlich einen Digitalisierungsschub ausgelöst – nicht nur bei den Jungen – sondern auch bei der älteren Generation, die sich bislang eher zurückhaltend bis ablehnend mit dem Thema befasste. Die Anfang März erschienene Basisstudie „Senior*innen, Information, Medien“ kurz SIM-Studie 2021 des medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest untersuchte den Medienumgang älterer Menschen ab 60 Jahren unter gerontologischen Aspekten. Sie bietet eine aktuelle Bestandsaufnahme hinsichtlich der Medienverbreitung – und nutzung bei Senior*innen. Demnach besitzen 72% ein Smartphone, knapp die Hälfte ein Tablet und auch bei der Internetnutzung haben die Senior*innen deutlich zugelegt: So nutzen 92 % der 60 bis 69-Jährigen (82 % der 70 bis 79-Jährigen, 51 % der 80 bis 85-Jährigen) regelmäßig online Angebote. Es zeigt sich aber auch, dass mit zunehmendem Alter die Nutzung von Smartphone, Tablet und Internet deutlich abnehmen. Dennoch sind immer noch 19 % der Senior*innen offline, dies trifft vor allem auf Alleinlebende, über 80-Jährige und Frauen zu. 26 % in dieser Gruppe haben zwar einen Internetzugang im Haushalt, nutzen ihn aber aus den verschiedensten Gründen nicht. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Selbstwirksamkeit: knapp die Hälfte vertraut nicht in die eigenen Fähigkeiten, sich Anwendungen selbst erschließen oder gar auftretende Probleme selbständig beheben oder gar lösen zu können. Somit zeigen sich große Defizite und Unsicherheiten bei der Nutzung und dem Umgang mit digitalen Medien.

Eine besondere Herausforderung für die Erwachsenenbildung in Bezug auf Senior*innen ist aber auch, dass es sich hierbei nicht um eine homogene Gruppe handelt, sondern um eine Gruppe mit unterschiedlicher Lebensgestaltung und -bewertung. Menschen zwischen 60 und 70 Jahren fühlen sich heute noch nicht zur Gruppe der Senior*innen zugehörig, stehen daher insbesondere den traditionell ausgerichteten Seniorenbegegnungsstätten ablehnend gegenüber. Teilweise haben ältere Menschen aber auch starke Vorbehalte gegenüber formalen Bildungseinrichtungen, insbesondere dann, wenn sie mit Lernen negative Erfahrungen verbinden. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Alter die Außenorientierung bei vielen nachlässt und die Bereitschaft Neues lernen zu wollen.  Lernen im Alter ist eine selbstinitiierte Weiterbildung für die es einen hohen Grad an innerer Motivation bedarf, verbunden mit dem Wissen „Ich lerne das für mich selbst und nicht für andere“. Ältere Menschen sind neuen Angeboten immer dann aufgeschlossen, wenn sie für sich einen persönlichen Nutzen und Mehrwert erkennen können, ihre damit verbundenen emotionalen Bedürfnisse befriedigt werden und sie dabei in ihren Ängsten und Unsicherheiten ernst genommen werden. Sie wollen nicht die Welt erklärt bekommen, sondern auf Augenhöhe kommunizieren und den Lernprozess aktiv mitgestalten. Lernangebote für ältere Menschen sind dann erfolgreich, wenn sie dabei die Interessen der älteren Menschen aufgreifen und niedrigschwellig, möglichst alltags- sowie praxisnah den Lerninhalt aufbereiten. Wichtig ist für das Erlernen des Umgangs mit digitalen Medien, dass Senior*innen genügend Zeit zum Ausprobieren, üben und wiederholen angeboten wird: Praxis vor Theorie!

Die EAM als Digital-Kompass-Standort München bietet Senior*innen eine Vielzahl an unterschiedlichen Unterstützungsangeboten an – von der Einzelsprechstunde bis zu kleinen Workshops und Vorträgen. Regelmäßig werden Weiterbildungsangebote wie Multiplikator*innen-Ausbildungen, Workshops, Fachvorträge und -tagungen zu digitalen Themen angeboten. Mit Blick auf die Zukunft wird es eine besondere Herausforderung sein, alle auf dem Weg der digitalen Transformation mitzunehmen, offen zu sein für Neues und sich gleichzeitig kritisch-reflexiv mit den damit verbundenen Veränderungen und Möglichkeiten der Partizipation auseinanderzusetzen – schließlich müssen auch wir dafür sorgen, dass ältere Menschen am (digitalen) Leben teilhaben können, ohne abgehängt zu werden.

Weiterführende Infos zum Monatsthema: Digitale Bildung 60+:

Einen Link zur Website der EAM finden Sie hier

Einen Link zur SIM-Studie 2021 finden Sie hier

Digital-Kompass: stellt kostenfreie Angebote für Senior*innen rund um Internet & Co. und ist ein Treffpunkt für persönlichen Austausch, für Schulungen vor Ort und online sowie um Materialien zu erhalten. An deutschlandweit 100 Standorten unterstützen Internetlotsen ältere Menschen dabei, digitale Angebote selber auszuprobieren. Der Digital Kompass ist ein Projekt der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) und Deutschland sicher im Netz e.V. in Partnerschaft mit der Verbraucherinitiative mit Förderung des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz. 

Link zur Website Digital-Kompass hier

DigitalPakt Alter: ist eine Initiative zur Stärkung von gesellschaftlicher Teilhabe und Engagement Älterer in einer digitalisierten Welt. Initiiert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) ist er als Bündnis von Partnerorganisationen aus Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft angelegt. Ziel ist es, ältere Menschen bei der digitalen Teilhabe zu unterstützen und u. a. auch auf geeignete Lernangebote aufmerksam zu machen.

Einen Link zu Digitalpakt Alter finden Sie hier

Text: Sabine Jörk (EAM); Sabine Löcker (AEEB)

Foto: Copyright BAGSO/ Sachs

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