Titelgraphik AEEB

 

 

 

Familienleben, Eltern-Kind-Gruppen und die gemeindeorientierte Erwachsenenbildung

 

„Was Gemeinschaft - soziales Leben mit Geben und Nehmen - bedeutet, das lernt man zuerst in der Familie … Wo Erziehung gelingt, da bekommen junge Menschen das, was man Daseinskompetenz nennt: praktische Lebensbewältigung, Werthaltungen und Liebesfähigkeit, Urteilsvermögen und Grundvertrauen.“

(Roman Herzog)

Dass Erziehung in diesem Sinne gelingt, ist nicht selbstverständlich. In einer Familie
- in welcher Form auch immer - zu leben, heißt, sich vielfältigen Herausforderungen zu stellen. Die gesellschaftlichen, sozialen Veränderungen gehen zudem einher mit sich wandelnden Vorstellungen von Partner- und Elternschaft. Sich ändernde Werte und Lebensstile brauchen tragfähige Antworten in einer Zeit, in der nichts mehr so sein muss, wie es früher einmal war.
Familie leben heißt, Werte erlebbar werden lassen, mit Orientierungsfragen offen umgehen, emotionale, soziale und vielleicht auch materielle Veränderungen bewältigen.

Familienleben heute

Auf ihr Kind, auf das „neue“ Leben, freuen sich die werdenden Eltern. Wie „neu“ dieses Leben dann ist, ist vielen Paaren vorher nicht bewusst. Mit der Geburt eines Kindes ändert sich fast alles, weil alte Rollen beendet und neue übernommen werden. Dieser Prozess ist nicht einfach, Eltern sind vielfältig gefordert. Die Veränderungen sind für Frauen und Männer in der Regel unterschiedlich. Meistens ist es nach wie vor die Frau, die auf ihre Berufstätigkeit verzichtet, sie zumindest unterbricht und zu Hause bleibt. Der Mann ist für das Familieneinkommen zuständig. Frauen geraten damit in eine ökonomische Abhängigkeit zum Mann. Sie verlieren die über die Berufstätigkeit gelebten Kontakte und sind tagsüber mit dem Kind alleine. Der Beruf als eine wesentliche Möglichkeit der Kommunikation und Persönlichkeitsent-wicklung fehlt. Männer erfahren in der Regel durch die Vaterschaft keine Brüche in der beruflichen Biographie. Sie arbeiten weiter wie bisher oder investieren als Ernährer der Familie noch mehr in ihr berufliches Engagement. Für den Familienalltag mit Kindern bleibt kaum Zeit und so können sie ihn auch wenig als persönliche Entwicklungs- und Wachstumschance nutzen.

Erwerbstätigkeit und Familienleben zu vereinbaren, ist zum ständigen sozialen Problem geworden, besonders für Mütter. Es wird zwar alltagspraktisch gelöst, bleibt aber gleichzeitig gesellschaftlich ungelöst. Frauen haben in der Regel berufsbiographische Brüche zu verarbeiten, und sie müssen ihre eigenen Ansprüche an die Berufs- und Mutterrolle ausbalancieren.

Gemeinsam Zeit miteinander zu haben ist für ein gelingendes Familienleben unver-zichtbar. Dabei wird es immer schwieriger, einen zeitlich aufeinander abgestimmten Alltag zu leben. Schichtarbeit, Arbeitsorte in großer räumlicher Distanz zum Wohnort, Arbeit an Wochenenden und Überstunden sind wesentliche Faktoren, die dem ent-gegen stehen.

Eltern-Kind-Gruppen - ihre präventive Wirkung

Kinder bereichern das Familienleben, Kinder fordern Eltern. Erwerbstätigkeit und Familienleben auszubalancieren, Zeit für die eigenen und die Interessen der Familie zu finden - allein hier sind innere Klarheit, Verständigung und Organisationstalent gefragt.

Dazu kommt, dass in den letzten Jahrzehnten die Ansprüche an die Erziehungsleistung der Eltern erheblich gestiegen sind:

 

  • in Kinder ist viel zu „investieren“; emotional und sozial, zeitlich und finanziell
  • die Erziehung ist „kindorientiert“ auszurichten.

 

Gesellschaftliche Institutionen wie Kindergarten und Schule erwarten aktive Eltern-Beteiligung, erwarten, dass die Kinder auch im Elternhaus altersgemäß gefördert werden.
Häufig fehlen Geschwister und die Unterstützung von Großeltern. Das fordert die Eltern zusätzlich.
In dieser Situation brauchen Familien Unterstützung. Familienbildung will hier präventiv und entlastend wirken, damit aus Anforderungen nicht Überforderungen werden.

In der Evangelischen Erwachsenenbildung hat die Familienbildung einen hervorgehobenen Stellenwert: die Auseinandersetzung mit Erziehung, Wertefragen, Partnerschaft und Familienleben werden gezielt thematisch aufgegriffen. Fortbildungen qualifizieren Ehrenamtliche und Hauptamtliche für die Arbeit mit Familien.

Als Angebotsform der lebensraumnahen Familienbildung spielen die Eltern-Kind-Gruppen in den Kirchengemeinden eine besondere Rolle. Sie wirken in vielfältiger Form präventiv.
Im Sinne einer primären Prävention stärken und erweitern sie die vorhandene Erziehungskompetenz. Kontakt, Begegnung und Austausch sorgen für mehr Lebensqualität im Familienalltag.
Aber auch im Sinne einer sekundären Prävention sind die Eltern-Kind-Gruppen in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Sie wirken entlastend und können so manche familiäre Krisensituation entschärfen. Denn hier können Eltern über belastende Ereignisse und Situationen mit anderen ins Gespräch kommen, können Solidarität und Unterstützung erfahren.
So nehmen Eltern-Kind-Gruppen unterschiedliche präventive Funktionen wahr:

 

  • Sie wirken sozial stabilisierend Durch die Regelmäßigkeit der Gruppentreffen kann ein Gemein-schafts- und Zugehörigkeitsgefühl entwickelt werden, das soziale Bedürfnisse der Eltern abdeckt und das indirekt auch die Entwicklung des Kindes und der Partnerbeziehung positiv beeinflusst.
  • Sie wirken persönlichkeitsbildend
    Die einzelnen Gruppenmitglieder bringen ihre Kompetenz ein, wirken mit bei der Gestaltung der Treffen. Selbstvertrauen und persönliche Kompetenz können sich in einer annehmenden Atmosphäre entfalten. Familien werden sicherer und selbstbewusster im Umgang mit Kindern, mit ihrer Mutter- und Vaterrolle. Das hilft auch, der Gewalt in Familien entgegenzuwirken.
  • Sie gestalten soziales Leben in der Kirchengemeinde und im Stadtteil
    Eltern-Kind-Gruppen bieten jungen Familien in unterschiedlichen sozialen Situationen einen Treffpunkt. Sie wirken sozial integrierend und gehören zu den „niederschwelligen“ Angeboten in der Familienbildung. Ihre Arbeitsweise stärkt ein partnerschaftliches Miteinander, eine demokratische Grundhaltung. Eltern-Kind-Gruppen sind eine Form bürgerschaftlichen Engagements, sie sind ein auf Familien bezogenes Unterstützungssystem.
  • Sie wirken bewusstseinsbildend in der Auseinandersetzung mit Frauen- und Männerrollen
    Eltern-Kind-Gruppen sind auch ein Ort der Auseinandersetzung mit den eigenen Rollen in der Familie. Wünschenswerte Veränderungen der Frauen- und Männerrollen, der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung werden in ihren Möglichkeiten und Grenzen thematisiert. Hier geschieht, was in unserer Gesellschaft keineswegs selbstverständlich ist: Erziehungs- und Familienarbeit werden in ihrer Bedeutung wahrgenommen und gewürdigt. Damit erfahren vor allem Frauen eine soziale Anerkennung ihrer Arbeit.

 

Ehrenamtliches Engagement – das Kapital der Eltern-Kind-Gruppen


Eltern-Kind-Gruppen sind Ausdruck von Eigeninitiative und von eigenen Interessen und gleichzeitig leisten sie viel für andere: für andere Mütter, Kinder und Väter; für eine familienfreundliche Gemeinde und für die Entwicklung sozialer Netzwerke im Stadtteil. Eltern-Kind-Gruppen können als soziale Antwort auf gesellschaftliche Individuali-sierungsprozesse verstanden werden. Diese Gruppen leben von der ehrenamtlichen Tätigkeit, vom freiwilligen Engagement, das hier riesig groß ist. Sie verbreiten sich immer mehr. So gab es im Jahr 2001 im Dekanat Nürnberg 202, im Dekanat Augsburg 91 und in den Donau-Ries-Dekanaten 35 Gruppen.

Wenn der Landesbischof, Dr. Johannes Friedrich, in seiner Neujahrspredigt 2001 die Ehrenamtlichen als „den größten Schatz der Kirche“ beschreibt, mag er auch die ehrenamtlichen Eltern-Kind-Gruppenleiterinnen im Blick gehabt haben. In einer gemeinsamen Erklärung an Staat und Gesellschaft appellierten im März 2001 der Präsident der evangelischen bayerischen Landessynode, Dr. Dieter Haack, und der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Prof. Dr. Bernhard Sutor, ein “familienfreundliches Klima“ zu schaffen. Sie forderten auch die Gemeinden auf, die „Familie noch mehr in den Mittelpunkt“ zu stellen und u. a. die Eltern-Kind-Arbeit auszubauen.

Und wenn zunehmend vom bürgerschaftlichen Engagement die Rede ist, dann sollte nicht übersehen werden, was im Bereich der Eltern-Kind-Arbeit in diesem Sinne seit Jahren geleistet wird.

 

Eltern-Kind-Arbeit


Eltern-Kind-Gruppen: Was sie sind und wie sie sich organisieren

ein lebensraumnahes Ange au"aft, ier kann Gemeinsch > t Mütter, mit ihren Kindern im Alter von 9 Monaten bis zum Kindergartenalter. Sie treffen sich für 1 1/2 - 2 Stunden in kirchlichen Räumen in der Nähe ihrer Wohnung zum gemeinsamen Spielen und Lernen, um Erfahrungen auszutauschen, Menschen in der gleichen Lebenssituation kennen zu lernen und um sich gegenseitig zu unterstützen.
Die Nähe zurlle inander setzen. H eigenen Wohnung spielt für die Auswahl der Gruppe eine große Rolle. Manche Eltern entscheiden sich ganz bewusst für eine Gruppe in der Kirchengemeinde in der sie leben bzw. für eine Gemeinde, deren Konfession sie angehören. Häufig sind die Gruppen aber konfessionsgemischt. Sich ökumenisch zu organisieren, ist einigen Gruppen ganz wichtig. Das trifft vor allem für die Gruppen zu, die sich in ökumenischen Gemeindezentren treffen.

Die Gruppen werden von den Eltern/Müttern selbst, von den Kirchengemeinden oder von den Evang. Bildungswerken initiiert. Je nach Konzept sind die Kinder in den Gruppen altersgemischt oder altershomogen. In der Regel bleiben die Teilnehmer/innen bis zum Kindergarteneintritt der Kinder in den Gruppen zusammen.

Eltern-Kind-Gruppen – ihre Gestaltungselemente

EKG sind Spiel-, Lern-, Erfahrungs- und Unterstützungsort für Kinder und Erwachsene. Die Treffen sind durch unterschiedliche Gestaltungselemente, durch unterschiedliche Bausteine strukturiert. Das bietet Erwachsenen und Kindern Orientierung und Sicherheit. Diesen Ablauf legt die Gruppe oder deren Leiter/in fest.
Der Verlauf kann zwar von Gruppe zu Gruppe variieren, bestimmte Bausteine finden sich aber in allen Gruppen wieder. Dazu gehören das Ankommen, das Verabschieden, das wechselnde Angebot, das Freispiel der Kinder, die Brotzeit und das Aufräumen ebenso wie die Lieder, Kreis-, Finger- und Bewegungsspiele. Alle Gestaltungselemente sind gleichwertig.

In jeder Gruppe ist das „Ankommen und Begrüßen“ sowie das „Verabschieden“ ein wiederkehrendes Ritual. In der Regel beginnt und endet die Gruppenstunde mit einem ganz bestimmten Begrüßungslied bzw. Abschiedslied – Anfangen und Aufhören wird so den Kindern und Eltern deutlich signalisiert.
Lieder, Kreis-, Finger- und Bewegungs-spiele sind ebenfalls ein fester Bestandteil der Gruppentreffen.
Ein ebenso wichtiges Element ist das gemeinsame Freispiel der Kinder. Während die Kinder hier alleine und mit anderen spielen, selbstständig Kontakte aufnehmen, aber auch den Umgang mit Konflikten erlernen, bietet sich für die Mütter/Väter die Möglichkeit zum Gespräch mit den anderen Teilnehmer/innen oder mit der Leiterin/dem Leiter. Informationen werden weitergegeben, Fragen zum Familienalltag, zur Erziehung und zur kindlichen Entwicklung werden thematisiert. Kleine Probleme in der Gruppe oder in der Gemeinde werden besprochen.

Eine gemeinsame Brotzeit ist nicht nur „Pause“, sie stärkt die Gemeinschaft. Letzteres gilt auch für das gemeinsame Aufräumen.

Dazu kommen wechselnde Angebote: Musikalische Früherziehung, Bewegungsspiele, kreatives Gestalten, Buchbetrachtungen, Sinnerfahrungsspiele. Sie orientieren sich am kirchlichen Jahreskreis. Die Eltern halten dieses Programmangebot für sehr bedeutsam, da ihre Ansprüche an eine gezielte pädagogische Förderung ihrer Kinder vor der Kindergartenzeit steigen. Und damit wird das Risiko größer, Kinder aber auch Eltern zu überfordern. Deshalb soll dieses Gestaltungselement eine pädagogische Grundhaltung vermitteln, die das Erleben mehr in den Vordergrund rückt als eine spezifische Leistung (zum Beispiel beim Basteln). Soziales Lernen darf auch hier nicht zu kurz kommen.