Perspektiven und ein Ausblick
Um die heutige Bedeutung der Gruppen als Teil gemeindeorientierter Erwachsenenbildung beschreiben und verstehen zu können, ist es sinnvoll, die Geschichte der Entstehung und der Einbindung der Eltern-Kind-Gruppen in Gemeinden mit einzubeziehen.
Perspektive: Junge Familie
In den letzten 25 Jahren haben sich junge Familien Räume in Gemeinden erobert. Entstanden sind die Eltern-Kind-Gruppen aus einer Art Selbsthilfebewegung. Nicht nur der Übergang vom Paar zur Familie, auch der Wohnortwechsel junger Familien stellt ganz neue Anforderungen an die Lebenssituation und den Aufbau von Beziehungen im sozialen Umfeld - besonders für Frauen. Deshalb waren es in erster Linie Mütter, die mit ihren kleinen Kindern ortsnahe Treffpunkte organisierten.
Heute ist es für junge Familien fast selbstverständlich, in ihrer Gemeinde eine Eltern-Kind-Gruppe vorzufinden. Junge Familien nehmen Gemeinde und Kirche für ihre Wünsche und Bedürfnisse in Anspruch. Sie bringen ihr persönliches Engagement und gleichzeitig ihre individuelle Geschichte mit Kirche und Glauben ein.
Diese Geschichte wurde durch gelungene und/oder weniger tragende Erfahrungen geprägt: im Religionsunterricht, in der Jugendarbeit, bei Kasualien.
Mit der Eltern-Kind-Guppen-Zeit beginnt eine zweite Neubegegnung zwischen (jungen) Erwachsenen mit ihren Kindern und Gemeinde. Ob Kirche und Gemeinde eine Quelle der Unterstützung werden oder fremd bleiben, hängt davon ab, wie Kommunikation und Begegnung gelingen.
Perspektive: Kirchengemeinde
Junge Familien sind in Gemeinden gekommen, ohne dass dies von Kirchenvorständen, von Hauptamtlichen oder von der Kirchenleitung in besonderer Weise initiiert wurde. Ein wohl einmaliges Phänomen. In Gemeinden gab und gibt es Irritationen, so in Anspruch genommen zu werden. Das jeweilige Selbstverständnis der Gemeinde passt häufig nicht mit dem Gemeindeverständnis der EKG zusammen. Hier spielen unterschiedliche Vorstellungen von aktiver Beteiligung am Kerngemeindeleben eine wesentliche Rolle (z. B. regelmäßiger Gottesdienstbesuch, Mitarbeit bei der Vorbereitung von Gemeindefesten).
Inzwischen hat sich viel verändert. Eltern-Kind-Gruppen gehören in weiten Teilen zum festen Bestandteil der gemeindlichen Angebotspalette. Gemeinden entwickeln ihre Konzeptionen, um ein wirksamer Ort einer zielgruppenorientierten, lebensraumnahen Erwachsenen- und Familienbildung zu sein. Das gelingt besonders gut,
- wenn die Gruppen mit ihrem Eigenwert anerkannt werden,
- wenn mit dem Wunsch junger Eltern, Gemeindenähe und -distanz selbst auszuloten, achtsam umgegangen wird,
- wenn Angebote entwickelt werden, die Müttern und Vätern ermöglichen, ihr Verhältnis zum Glauben und zur Kirche neu zu bestimmen,
- wenn Veranstaltungsformen gewählt werden, die die Lebenssituation junger Familien berücksichtigen,
- wenn Zuständigkeiten seitens der Gemeinde für dieses Arbeitsfeld geklärt sind und kommuniziert werden,
- wenn die Gruppen und die ehrenamtlichen Leiter/innen fachlich und materiell unterstützt werden,
- wenn Gemeinden dieses Arbeitsfeld in Richtung Familienarbeit und Frauenarbeit weiterentwickeln.
Perspektive: Evangelische Bildungswerke
Grundaufgabe Evangelischer Bildungswerke ist, Eltern-Kind-Gruppen im Sinne einer gemeindebezogenen Erwachsenenbildung zu fördern und weiterzuentwickeln. Dies geschieht durch Fortbildung, Beratung, Entwicklung, Vernetzung und Konzeptentwicklung.
- Fortbildung:
für ehrenamtliche Leiter/innen und für Leiter/innen, die auf Honorarbasis arbeiten; für hauptamtliche Mitarbeiter/innen, die ihre Rolle klären und das Feld Familienarbeit weiterentwickeln wollen. - Beratung:
für Gruppen und Kirchengemeinden durch hauptamtliche Mitarbeiter/-innen der Evangelischen Bildungswerke und die dort tätigen begleitenden, beratenden Mitarbeiterinnen. - Entwicklung:
von weiterführenden Angeboten gemeindebezogener Frauen- und Familienarbeit;von Arbeitshilfen und die Vermittlung von Referent/innen. - Vernetzung:
der Gruppen innerhalb der Gemeinden und im Dekanat, durch Initiierung von Arbeitskreisen und Projekten. - Konzeptentwicklung:
der Eltern-Kind-Gruppen-Arbeit im Sinne einer ehrenamtlich geleiteten, gemeindebezogenen Erwachsenenbildung.
Ausblick
Die Eltern-Kind-Gruppen, die Kirchengemeinden und die Evangelischen Bildungswerke sind in den letzten 25 Jahren trägfähige Vernetzungen eingegangen. Jeder Partner gewinnt durch den/die anderen.
Die jungen Familien haben durch die Eltern-Kind-Gruppen ortsnahe Treffpunkte mit allen Möglichkeiten, die in dieser Konzeption beschrieben sind. In den Kirchengemeinden haben sie mehr als nur Räume gefunden. Sie erleben Kirche als einen wertvollen Ort, wenn Gemeinden sich für eine bewusste Trägerschaft familienfreundlicher Arbeit und Strukturen entscheiden. Mitarbeiter/innen der Gemeinde werden als Gegenüber und Gesprächspartner/innen gesucht und gefunden.
Kirchengemeinden werden durch Menschen bereichert, die sich für das, was sie brauchen, auch freiwillig engagieren. Die manchmal (kirchen)kritischen jungen Familien bereichern mit ihren Perspektiven das Gemeindeleben, indem sie beispielsweise neue Veranstaltungsformen anregen. Durch die Eltern-Kind-Gruppen geben Gemeinden der Taufzusage eine soziale Gestalt. Kinder bekommen mit ihren Eltern, ohne Vorleistung, Raum und Recht. Diese theologische Dimension der Gruppen wird noch wenig reflektiert, wiewohl sie eine Grundlage protestantischen Selbstverständnisses ist.
Für die Evangelische Erwachsenenbildung realisiert sich mit den Eltern-Kind-Gruppen eine lebensraumnahe Form der Familienbildung, die ausbaufähig und in ihrer Grundanlage auch für andere Arbeitsfelder zukunftsweisend ist. Die Evangelischen Bildungswerke haben den Entwicklungsprozess der Gruppen in den Gemeinden von Beginn an wahrgenommen und fachlich begleitet. Dieses Konzept der gemeindeorientierten Erwachsenenbildung ist dann zukunftsweisend, wenn alle Beteiligten - Kirchengemeinden, Eltern-Kind-Gruppen, Evangelischen Bildungswerke - ihre jeweiligen Stärken einbringen und gleichzeitig die der anderen nutzen dürfen und können.
