Titelgraphik AEEB

 

 

 

Erwachsenenbildung und Ökumene

 

INHALT

 

 

 

Michael Martin

Erfahrbar und einladend, weit und breit –
Ökumene und Evangelische Erwachsenenbildung

Oder: Wie profitieren beide voneinander?

 

In den Gesichtern der jungen Vikare und Vikarinnen zeigt sich Erstaunen. Nein, so vielfältig hatten sie sich die Arbeit unserer Kirche in der Ökumene nicht vorgestellt: „Die ökumenische Arbeit ist ja viel weiter und breiter als ich je gedacht hätte!“

Natürlich wird die ökumenische Arbeit unserer Kirche sofort und zuerst mit dem Dialog mit der römisch-katholischen Kirche, mit den vielfältigen und oft fast selbstverständlichen gemeinsamen Aktionen und Projekten auf Gemeindeebene in Verbindung gebracht. Mit ökumenischen Gottesdiensten und Andachten, dem Weltgebetstag der Frauen, der Gebetswoche zur Einheit der Christen, den gemeinsamen Auftritten bei öffentlichen Feiern – die Reihe der Aufzählungen lässt sich hier fast beliebig erweitern.

Es geschieht viel gute Zusammenarbeit auf allen Ebenen bis hin zur Kirchenleitung mit der römisch-katholischen Kirche, genauer gesagt mit und in den sieben römisch-katholischen Diözesen in Bayern und den sechs Kirchenkreisen der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Der Ökumenische Kirchentag wird dies in hervorragender Weise deutlich machen.

Um sich aber im Gewirr der vielfältigen ökumenischen Aufgaben der Landeskirche zurechtzufinden, ist es hilfreich, verschiedene „Schneisen“ zu schlagen. In drei große Bereiche lässt sich die ökumenische Arbeit derzeit – zugegebenermaßen etwas künstlich – einteilen: „Dialog-Ökumene“, „Ökumene und Weltverantwortung“ und „Ökumene in den Beziehungen zu den Kirchen Mittel-Ost-Europas“.

Die „Dialog-Ökumene“ umfasst die Gespräche und vielfältigen Formen der Zusammenarbeit und Abstimmungen mit der römisch-katholischen Kirche, den verschiedenen Freikirchen und Denominationen, mit der ACK (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen) in Bayern und in Deutschland, „innerevangelisch“ mit der GEKE (Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa), mit der KEK (Konferenz Europäischer Kirchen) und auf Weltebene mit dem LWB (Lutherischer Weltbund) und dem ÖRK (Ökumenischer Rat der Kirchen). Diese Aufzählung ist natürlich keineswegs vollständig. Für manche überraschend, gehört auch der Dialog mit anderen Religionen zu diesem Bereich. Hier in Bayern gewinnt gerade der christlich-islamische Dialog an Wichtigkeit und mit dem Beauftragten für den interreligiösen Dialog und Islamfragen und mit der Einrichtung der „Brücke“ in Nürnberg, dem einzigen evangelischen Begegnungszentrum für diesen Dialog in Bayern, nehmen wir diese Herausforderung wahr.

Der zweite Bereich „Ökumene und Weltverantwortung“ spannt sich von der Mission bis zum Konziliaren Prozess (Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung). Mit dem Centrum Mission EineWelt in Neuendettelsau verfügen wir in der bayerischen Landeskirche über weltweite Kontakte und Verbindungen zu unseren überseeischen Partnerkirchen, werden bereichert durch neue Perspektiven und andere Formen, Glauben zu leben und auszudrücken. Im Konziliaren Prozess liegen die Schwerpunkte derzeit auf den Themen zur „Gerechten Globalisierung“ und der vielfältigen Umsetzung der Dekade „Gewalt überwinden“. Beziehungen zu den Christen im Tur Abdin (Südosttürkei) und dem Irak, zu denen auch Projekte des kirchlichen Wiederaufbaus dort gehören, sowie die Unterstützung der Stiftung „Wings of Hope“, die Projekte vor allem für kriegstraumatisierte Kinder in Bosnien, dem Irak und Palästina/Israel verantwortet, runden diesen Arbeitsbereich ab.

Mit den evangelisch-lutherischen Kirchen in Ungarn und der Ukraine bestehen seit einigen Jahren Partnerschaften, die sich in vielfältigen Kontakten und Projekthilfen ausdrücken. Aber auch zur russisch-orthodoxen Kirche gibt es intensive Verbindungen, vor allem zu den Eparchien Kostroma und Jaroslawl. Hauptsächlich durch die Aktion „Fastenopfer“, die Zusammenarbeit in der Südosteuropagruppe der GEKE (Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa) und durch den Europäisch-Ökumenischen Studienkurs in Josefstal bestehen darüber hinaus mit vielen anderen Kirchen in Mittel-Ost-Europa freundschaftliche Kontakte und Beziehungen.

Diese „Schneisen“ - in aller gebotenen Kürze - sollen genügen, um sich einen ersten, sehr vorläufigen Überblick über die Bereiche der ökumenischen Arbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern verschaffen zu können.

 

Evangelische Erwachsenenbildung und Ökumene sind „natürliche Verbündete“
und können voneinander profitieren ...

 

Warum ist die Zusammenarbeit von Evangelischer Erwachsenenbildung und Ökumene eine Win-win-Situation für beide? Um es mit zwei Sätzen zu sagen: Ökumene liefert aktuelle, oft auch brisante Themen und bietet Kontakte und Beziehungen zu vielen Kirchen, verschiedenen Konfessionen im Inland, aber - spannend für die Erwachsenenbildung - auch im Ausland. Die Evangelische Erwachsenenbildung dagegen bietet ihr Know-how an im methodischen Bereich, damit Erwachsene nicht nur abstrakt, sondern mit Geist, Leib und Seele lernen und sich mit Themen und anderen Menschen intensiv auseinandersetzen können. Sie bietet Plattformen an, dass Menschen sich begegnen können, sei es in Seminaren oder auf Studienreisen. Dabei erreicht die Evangelische Erwachsenenbildung eine Klientel von Menschen in unserer Kirche, die bereit ist, sich kritisch mit Themen auseinander zu setzen und offen zeigt für neue Erfahrungen und Begegnungen.

Die ökumenische Studien- und Bildungsarbeit des Ökumenereferats profitiert längst von der Erwachsenenbildung. Sie arbeitet seit Jahren mit deren Methoden. Konferenzen und Tagungen werden mit den handwerklichen Fertigkeiten der Erwachsenenbildung moderiert und durchgeführt. Der Europäisch-Ökumenische Studienkurs, an dem zwischen 40 und 50 Teilnehmende aus den verschiedenen Kirchen und Konfessionen Nord-, Ost-, Mittel- und Südeuropas teilnehmen, lässt jeden Erwachsenenbildner vor Begeisterung mit der Zunge schnalzen. Die dreitägige jährliche Konferenz der Ökumenebeauftragten unserer Dekanatsbezirke wechselt wie selbstverständlich zwischen Plenar- und Kleingruppen. Die Fortbildungen von KoKon (Arbeitsstelle für konstruktive Konfliktbearbeitung) – quasi eine „Außenstelle“ des Ökumenereferats in Nürnberg – zur Qualifizierung von Streitschlichtern an Schulen macht jedem Seminar einer Einrichtung der Erwachsenenbildung alle Ehre.

Manche ökumenischen Gremiensitzungen oder Tagungen könnten allerdings noch einiges dazulernen, was die Balance von Geist und Körper betrifft. Dass man zweieinhalb Stunden am Stück sitzt, wie bei der Jubiläumsfeier zur „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ im vergangenen Jahr in Augsburg, ohne auch nur einmal aufstehen zu können oder frische Luft in den Saal zu lassen, mutet doch etwas altertümlich an.

 

Nun aber konkret: Wie kann die Evangelische Erwachsenenbildung von der Ökumenearbeit profitieren und warum soll sie deren Verbündete sein?

Im Partnerschaftspapier der Landeskirche, in denen die Außenbeziehungen dargestellt werden, heißt es unter der Rubrik „Ökumenisches Lernen“:

 

  • Wir lassen uns leiten vom Gedanken des ökumenischen Lernens. „Dazu gehört:
    dass wir andere geistliche und lebensfördernde kulturelle Traditionen wertschätzend wahrnehmen,
  • dass wir uns in der Auseinandersetzung mit der „Andersartigkeit“ geistlichen Lebens und theologischen Denkens vom Ziel der „versöhnten Verschiedenheit“ leiten lassen und dadurch auch unsere eigene Identität besser verstehen lernen,
  • dass wir eine ökumenische Spiritualität entwickeln, indem wir gemeinsam mit den Partnern beten, Teil haben am gottesdienstlichen Leben der Partnerkirchen und Begegnungen suchen auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens,
  • dass wir bereit sind, uns selbst in Frage stellen zu lassen.“

 

Die Evangelische Erwachsenenbildung kann Themen der Ökumene „setzen, transportieren, bearbeiten“. Sie kann in Seminaren Menschen dazu anleiten und auch befähigen, sich auf Neues einzulassen, sich selbst damit in Frage zu stellen und gleichzeitig sich des eigenen theologischen Standpunktes zu vergewissern. Sie kann Menschen sprachfähig machen für den eigenen Glauben. Gerade in der „Auseinandersetzung mit der Andersartigkeit“ anderer, seien es Christinnen und Christen anderer Konfessionen oder Menschen anderer Kulturen und Religionen, sind wir dazu herausgefordert. Hier gute Plattformen des Dialogs zu bieten, stellt gleichzeitig eine nicht zu unterschätzende Dialog- und auch Friedensarbeit unserer Kirche dar.

Studienreisen im In- und Ausland, organisiert und durchgeführt von der Evangelischen Erwachsenenbildung, bieten Menschen die Möglichkeit, die vielfältigen Beziehungen unserer Kirche mit Leben zu füllen. Man kann am spirituellen und kulturellen Leben unserer Partner in der Ökumene teilnehmen und Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten wahrnehmen. Bildungsreisen eröffnen einen Horizont dafür, dass wir in den verschiedenen Kirchen und Konfessionen der ganzen Welt doch zusammengehören als Geschwister der einen Kirche Jesu Christi. Und sie helfen, dass wir auf sehr praktische Weise mitwirken an dem einen Ziel der ökumenischen Arbeit, der „versöhnten Verschiedenheit“.

Diese wenigen Beispiele machen deutlich, wie beide Arbeitsbereiche voneinander profitieren können.

 

Was brauchen wir, um dies Wirklichkeit werden zu lassen?

 

Wir brauchen einen engeren Kontakt der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beider Bereiche auf vielen verschiedenen Ebenen. Wir müssen einander kennen, voneinander wissen und miteinander arbeiten.

Ein erfolgreicher Weg wäre sicherlich, diese Kontakte aus der Zufälligkeit heraus zu nehmen und Begegnungen und Treffen zu „institutionalisieren“. Warum sollte es nicht gelingen, dass die Verantwortlichen beider Arbeitsbereiche auf den verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens sich regelmäßig treffen? Warum sollte es nicht gelingen, dass regelmäßig Informationen ausgetauscht werden? Warum sollte es nicht gelingen, partnerschaftliche Beziehungen zueinander aufzubauen und auch zu pflegen, damit die Beziehungen zueinander keine Außenbeziehungen bleiben.

Unsere Kirche arbeitet seit einigen Jahren mit vielen anderen Kirchen in Deutschland, Europa und sogar weltweit eng und intensiv zusammen. Wir haben längst erkannt, dass die einzelnen Kirchen „Knotenpunkte in einem großen, gemeinsamen Netz“ sind, dass wir gemeinsam ein wichtiges Element sind in einem Europa, das gerade neu zusammen wächst. Sind nicht auch die Ökumene und die Erwachsenenbildung „Knotenpunkte“, die eng miteinander verbunden sind im Netz unserer Kirche?

 

Oberkirchenrat Michael Martin ist Leiter der Abteilung „Ökumene und kirchliches Leben“ im Landeskirchenamt der Evang.-Luth. Kirche in Bayern.

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Florian Schuller

Erwachsenenbildung, ökumenisch betrachtet

 

Mit Ökumene-Fragen lockt man heutzutage kaum jemand hinter dem Ofen hervor. Diese allgemeine Erfahrung, von den überkonfessionellen Selbstverständlichkeiten nicht nur junger Leute kaum konterkariert, sondern im Gegenteil bestätigt, teilt meiner Einschätzung nach auch die Erwachsenenbildung. Selbst vermeintliche Reizthemen wie die Fragen nach dem Amt oder der gemeinsamen Eucharistie- bzw. Abendmahlfeier finden nur wenig Resonanz für theoretische, persönlichkeitsbildende Reflexion, geschweige denn Themen wie etwa die Rechtfertigungslehre.

Sofern dieser Eindruck nicht täuscht, ist nach möglichen Konsequenzen zu fragen; wer nicht resignieren oder verstummen will, muss neue Perspektiven suchen. Was ich dafür anzubieten habe, sind keine Rezepte, sondern bestenfalls Impulse. Anklänge an die zentralen Themenbereiche des Zweiten Ökumenischen Kirchentags 2010 in München sind durchaus beabsichtigt.

 

1. Bildung christlich denken

Die derzeitige Wirtschaftskrise verstärkt den Trend eher, als dass sie eine Zäsur bilden könnte: Der Bildungsbegriff in Zeiten von Flexibilisierung und Globalisierung scheint einigermaßen ausgehöhlt und zu beruflicher Qualifizierung oder wirtschaftlichen Standortsicherung zu verkümmern. Menschen stehen unter ständigem Lern- und Anpassungsdruck. Neue Kommunikations- und Kulturtechniken müssen erlernt, das neueste PC-Programm oder der Navigator im neuen Auto will beherrscht werden. Man könnte durchaus den Eindruck gewinnen, Bildungsprozesse erschöpften sich in Vermittlung und Aneignung praktisch anwendbarer Kompetenzen oder der rein quantitativen Vermehrung von schnell verwertbarem Wissen und Fertigkeiten, maximal von Softskills, die der Karriere dienen.

Kirchliche Bildungsarbeit muss die Erinnerung wach halten, dass Bildung immer schon ein „unentbehrliches Lebensmittel für alles war, was über die Deckung physischer Bedürfnisse hinaus geht“, wie Klaus Firlei meinte. Dabei meint aber das Wort Bildung bei weitem nicht einen bestimmten formalisierten Bildungsgrad. Auch so genannte „einfache“ Menschen können einen viele „Gescheite“ beschämenden Glauben haben, dazu eine Herzensbildung, die das Leben auf überzeugende Weise meistern lässt, und eine Souveränität in der Beurteilung von Situationen, die verblüfft.

In dieser Linie könnte sich für die kirchliche Bildungsarbeit eine doppelte Konsequenz ergeben: Die Neubesinnung auf die eigene „Geschäftsgrundlage“ – um zu wissen, warum sie sich echten oder scheinbaren Qualifizierungszwängen nicht einfach unterwerfen muss; und sie könnte sich ökumenisch vereint in der bildungspolitischen Debatte zu Wort melden – mit einem eigenen, genuin christlichen Bildungsverständnis, das den ganzen Menschen im Blick hat, mit einem Bildungsverständnis, das vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte den Zusammenhang von Glaube und Bildung nicht verschweigt.

Natürlich hat die reformatorische Tradition hierbei einen starken Merkposten. Hat sich doch die Reformation ganz bewusst als eine Bildungsbewegung verstanden, entsprechende Institutionen geschaffen, u.a. über das Pfarrhaus die deutsche Klassik ermöglicht und personell gespeist, die Bildung des Einzelnen in seiner Individualität gefördert, schließlich auch den sogenannten Kulturprotestantismus hervorgebracht, der bei all seinen Begrenzungen doch in großer Breite gewirkt hat und wirkt.

Demgegenüber wurde bis weit in die 60er Jahre hinein das katholische Mädchen vom Land, das nur die einklassige Volksschule besuchte, als Synonym für ein katholisches „Bildungsdefizit“ gepflegt. Verblasst war demgegenüber die Erinnerung daran, dass auch die „Gegenreformation“, besser ausgedrückt: die katholische Reform, einen mächtigen Bildungsschub ausgelöst hatte. Nur zwei Beispiele seien genannt: zum einen die jesuitischen Kollegien und Universitäten, zum andern die blühenden Naturwissenschaften in den barocken Benediktinerklöstern Süddeutschlands und Österreichs. Plattgemacht worden war diese sehr differenzierte Kultur- und Bildungslandschaft übrigens durch die Säkularisation, die vor allem die mittlere Ebene (zwischen Ortsgemeinde und Bistum) der selbständigen Stifte und Klöster ausradierte.

Mit anderen Worten: wir können durchaus selbstbewusst und ökumenisch auftreten, wenn es gilt, den Wert einer „zweckfreien“ Bildung hoch zu halten.

 

2. Christentum in der Gesellschaft präsent halten

In der kirchlichen Erwachsenenbildung selbst muss sich ein solches Bildungsverständnis allerdings mit einem spezifischen Profil artikulieren. Deren Bildungsangebot muss unterscheidbar sein von dem der Mitbewerber, ohne dass es in methodisch-didaktischer Hinsicht abfiele und in den Verdacht der Indoktrination geriete.

Ein paar wenige, zugegebenermaßen ziemlich abstrakte Maßstäbe dafür könnten sein: Die Orientierung an grundlegenden Existenzfragen des Menschen, das Ziel, schwache und marginalisierte Menschen und gesellschaftliche Gruppen zu fördern oder auch der Anspruch, Hilfestellung zu gelingendem Leben zu geben.

Nicht zuletzt muss kirchliche Erwachsenenbildung natürlich als Teil von Kirche erkennbar sein. Solche Verankerung lässt sich nicht unbedingt nur an Themen oder Referenten ablesen (dies selbstverständlich auch), sondern genauso am Stil (heute sagt man vielleicht: am Design) der Angebote und vor allem am Gesamtkonzept und einer roten Linie des Programms.

Wenn sich Erwachsenenbildung so ausrichtet, kann sie zu einer christlich motivierten Mitgestaltung gesellschaftlicher Lebensräume beitragen und dazu, dass sich unsere Gesellschaft ihrer christlichen Wurzeln bewusst bleibt oder wieder wird. Eine Aufgabe, die sich für Christen unabhängig von konfessionellen Grenzen stellt.
Innerhalb der Kirche könnte eine solche Erwachsenenbildung leichter deutlich machen, dass sie zum „Kerngeschäft“ gehört; die entsprechende Diskussion wird so schnell nicht enden, sofern die Prognosen zur zahlenmäßigen Entwicklung der Kirche (wie zu deren finanziellen Ressourcen) in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zutreffen sollten.

 

3. Christsein vor Ort leben

Eine existentiell orientierte kirchliche Erwachsenenbildung darf nicht bei der Diskussion ihrer Prinzipien stehen bleiben; es muss ihr um konkrete Praxis gehen. Viele Themenfelder, in denen sie jenseits religiös-theologischer Angebote ihr Profil zeigen kann, liegen auf der Hand: Klimawandel und Schöpfungsverantwortung, Armut und soziale Gerechtigkeit, Globalisierung und Migration, Marktwirtschaft und Wirtschaftskrise, Wertebasis und Orientierungsfragen, politisches und bürgerschaftliches Engagement und so weiter.

Oft wird es nicht ausreichen, sich bei solchen Themen auf die Wirkung einer einzelnen Abendveranstaltung zu verlassen. Stärker als bisher wird die kirchliche Erwachsenenbildung über andere, ihr bisher weniger vertraute Arbeitsformen nachdenken müssen, z.B. über Initiativen und Netzwerkarbeit oder über Projekte, in denen Interessierte für länger, aber in klar begrenztem zeitlichem Rahmen, an einem Thema arbeiten. Es geht also um Arbeitsformen, die Menschen zusammenführen, denen es um eine gemeinsame Sache geht, auch um eine gemeinsame Motivation. Warum dann nicht auch um den gemeinsamen Glauben?

Gerade kirchliche Erwachsenenbildung hätte auch die Chance, andere Bildungsbereiche einzubeziehen, also kirchliche Lernorte miteinander zu verknüpfen und zusammen zu führen. Warum sollte Erwachsenenbildung nicht stärker auf die Kooperation mit kirchlichen Kindergärten und Schulen oder Hochschulen setzen? Die Potentiale kirchlicher Bildungsarbeit sind – dies meine deutliche Vermutung - bei weitem nicht erschöpft.

Zur Konkretion gehört auch die Anbindung an überschaubare geographische Einheiten, mit denen sich Menschen identifizieren. Kirchliche Erwachsenenbildung ist damit eigentlich sehr erfahren. Sie muss aber im Auge behalten, dass sich mit der Veränderung kirchlicher Strukturen, mit der Entwicklung großräumigerer kirchlicher Organisationseinheiten, auch ein Wandel der eigenen Strukturen vollziehen muss. Könnte es nicht sein, dass eine regional statt lokal agierende Erwachsenenbildung – vielleicht oft mit einem größeren Aufwand an Organisation und Kommunikation – leichter Themenfelder bearbeiten kann, für die sie vor Ort kaum genügend Interessenten mobilisieren könnte?

Als Ermutigung, Trost und Verheißung für alle, die sich engagieren, dass Erwachsenenbildung in den Kirchen einen deutlichen Stellenwert besitzt, mag der bekannte Satz von Philipp Melanchton dienen, dem großen Initiator der reformatorischen Bildungsoffensive: „Das Zusammenleben mit gebildeten und aufrichtigen Menschen ist höchst angenehm.“

 

Dr. Florian Schuller ist Direktor der Katholischen Akademie in Bayern und Vorsitzender der Katholischen Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Bayern (KEB).

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Jens Colditz

Das Gottesvolk – eine ökumenische Erzählgemeinschaft

 

Sie sitzen an einem Tisch zusammen. Die Familie hat Freunde und Bekannte eingeladen. Festlich sind alle gekleidet. Festlich ist der Tisch gedeckt. Die Älteren wissen viel zu erzahlen. Die Jungen hören staunend zu. Und sie fragen immer wieder nach. Die Atmosphäre dieses Abends ist nicht verbraucht. Nur einmal im Jahr kommen sie so zusammen. Nur einmal im Jahr verdichtet sich der Hauch vergangener Zeiten so spürbar mit der Gegenwart. Alle empfinden es, dass dieser Abend etwas Besonderes ist. Da ereignet sich mehr als gute Unterhaltung. Da geht es nicht nur um Essen und Trinken. Alles erscheint anders als sonst.

Es ist Sederabend. Mit diesem Abend wird das Paschafest eröffnet. Die Gestaltung folgt einer Tradition. Der Ablauf regelt, was zu essen und zu trinken, was zu fragen und zu antworten, was zu singen und zu beten ist. Seder heißt Ordnung.

Die Kinder haben Fragen. Der besondere Ritus und die einzigartige Atmosphäre dieses Abends wecken Neugier. Das, was hier vor sich geht, muss sich langsam erschließen. Die Kinder fragen und die Erwachsenen erzählen. Die Kinder hören und fragen weiter und tiefer. Vater und Mutter, die Großeltern, die älteren Freunde, sie erzählen weiter. Zu den Gästen der jüdischen Familie gehören auch Nichtjuden. Die Feier des Glaubens ereignet sich über religiöse Grenzen hinweg.

 

Eine Erzählgemeinschaft

Mit einer besonderen Frage beginnt die Erzählkette: „Wieso unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?“ So kommt es aus dem Mund des jüngsten Kindes. Und weiter: Warum essen wir Ungesäuertes? Warum nur Bitterkraut? Warum sollen wir es zweimal eintauchen? Der Vater holt die Haggada, das Erzählbuch, hervor. Und alle hören eine ausführliche und ausgeschmückte Erzählung, die uns in 5. Mose 6,21-25 in Kurzfassung begegnet:

„Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; und der Herr tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte. Und der Herr hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den Herrn unsern Gott fürchten, auf dass es uns wohlgehe unser Leben lang, so wie es heute ist. Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem Herrn, unserm Gott, wie er uns geboten hat.“

Die Väter und Mütter nehmen die Kinder in eine Erzählgemeinschaft hinein. Auf die Fragen der Kinder antworten die Eltern nicht mit abstrakten und allgemeinen Lehrsätzen. Sie erzählen jene uralte Geschichte ihres Volkes weiter, die sie selbst erzählt bekommen haben. Es ist keine private Familiengeschichte. Es ist die Geschichte der Generationen vor ihnen und die gegenwärtige individuelle Situation bekommt auch ihren Ort darin. Was heute geschieht, was das Leben in der Gegenwart ausmacht, deutet sich aus dem Kontext der gesamten Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Nach und nach erschließt sich die Tradition für die Kinder. Sie erschließt sich durch das Erzählen. Mit der Zeit, mit den Jahren. Die Ohren und Augen des Kindes nehmen etwas auf, das sich emotional setzt und intellektuell immer tiefer verarbeitet wird.

Die lebendige jüdische Lernkultur gründet auf dem Erzählen. Neben der Erinnerung an den Weg, den Gott mit den Israeliten gegangen ist, und an die Treue, die er seinem Volk zugesagt hat, stehen die Gebote, die dem Leben dienen und das Zusammenleben sichern sollen. Auch deren Sinn und Zweck legen die Erwachsenen den Kindern dar. Das ist keine Anweisung zum strikten Gehorsam, das ist das Hinführen zu einer Entdeckung, die von der Würde des Einzelnen und dem Wert des Miteinander spricht. Das Hören ist auch ein Einüben in die Weisungen Gottes.

„Wenn dein Kind dich morgen fragen wird“, diese Überlegung geht der Erzählung von der großen Befreiungsgeschichte voraus (5. Mose 6,20). Die pädagogische Aufgabe ist damit angezeigt: das Leben so zu gestalten, dass Neugier wach wird, dass es zu Fragen und dann zum Erzählen kommt. Ein Kind, ein jugendlicher, auch ein erwachsener Mensch fragt nach dem Glauben, der ein Leben tragen kann. Ein Kind, ein jugendlicher, auch ein erwachsener Mensch fragt nach dem Vertrauen, das bei anderen Menschen zu spüren ist. „Wenn dein Kind dich morgen fragen wird“, dann soll es zu einer Antwort kommen. Glaubwürdig und authentisch.

 

Von Gott erzählen

In der Erzähltradition seines Volkes steht Jesus von Nazareth. Hineingewachsen in die Gemeinschaft des Wortes. So erzählt er den Menschen von Gott. Und tut dies in seiner und mit seiner ganzen Person. In seinem Wort spricht Gottes Wort. Jesus erzählt Menschen von Gott und tut dies auch über lokale und religiöse Grenzen hinweg. Das lebendige Wort Gottes steht für Ökumene.

Wie ein Erzählbuch Gottes erscheint Jesus. Er setzt auch Zeichen. Das fasziniert Menschen. Sie entdecken sich wieder in den Bildern des Glaubens, von denen sie zu hören bekommen. Sie verstehen alte Geschichten neu und deuten ihr Leben darin. Und sie erfahren den tieferen Sinn einer Handlung, die Jesus vollzieht. Mitunter ohne Worte. Weil die Situation und das Geschehen sich verdichten und für sich sprechen. Symbolische Zeichen und Rituale haben ihre eigene Sprache.

Erzählt bekommen, hören, ein Bild vor Augen haben und verstehen, das ist ein Lernweg, auf den Jesus die Menschen um sich herum mitnimmt. „Das Himmelreich ist wie...“. Die Bilder sind aus dem Leben gegriffen, aus der täglichen Arbeit, aus der natürlichen Umgebung und sprechen von einer neuen Welt.

Jesus sammelt Menschen zu einer Erzählgemeinschaft. Diese Gemeinschaft wird zum Lernort. Jünger und Jüngerinnen teilen das Leben mit dem Rabbi, dem Lehrer. Lukas zeigt in seinem 10. Kapitel eine besondere Situation dieser Erzählgemeinschaft. Marta und Maria stehen exemplarisch für viele andere. Marta sorgt sich um das Essen, das Nachtquartier, die Organisation des Lebens. Diese Aufgaben kann anderntags eine andere Person übernehmen. Alle sind verantwortlich für den Rahmen, in dem das Erzählen und Hören geschehen kann. Maria sitzt Jesus zu Füßen und hört ihm zu. Sie zeigt, dass alle Hörende und Lernende sein können. Eine Wort-Gemeinschaft wird sichtbar. Sie kennzeichnet die Kirche durch die Zeiten hindurch, sie ist ökumenisch.
  

Ganz persönlich erzählen

Von Gott erzählen, das heißt vom Glauben erzählen. Vom Glauben erzählen, das heißt persönlich erzählen. Von Erfahrungen, die aus dem Wirken Gottes gedeutet werden. Von Situationen, die über eine logisch rationale Erklärung hinausgehen. Von eigenen Befreiungsgeschichten und Glücksgeschichten. Von Bewahrung in Grenzsituationen, vom Getragensein in der Normalität des Alltags. Alles, was gesagt wird, ist authentisch erlebt. Darin liegt der einmalige Wert. Und die Glaubwürdigkeit. Dabei wird allerdings auch deutlich: Über Glauben kann man nicht verfügen. Man kann ihn nicht lernen wie Wissensbereiche.

Erzählen fesselt. Es ist eine Form der Mitteilung, durch die das Zuhören höchst sensibilisiert wird. Was kommt jetzt? Wie geht es weiter? Und das hast du erlebt? Erzählte Geschichten bleiben leichter in Erinnerung. In ihnen erscheinen Bilder, in ihnen steckt Lebendigkeit. Auf sie kann man als Ressource zurückgreifen. 

Das Erzählen ist keine oktroyierte Wissensvermittlung. Menschen hören und spüren dabei, wie sich das Erzählte möglicherweise in die eigene Lebensgeschichte integrieren lässt. Hier wird nichts unreflektiert übernommen. Hier berühren sich Lebensgeschichten mit Lebensgeschichte. Da bekommt alles einen Sinn, was übertragen und aktualisiert werden kann, was sich als tragfähig für das eigene Leben äußert. Erzählen bildet.

 

Ökumenisch unterwegs

Die Geschichte Gottes mit seinen Menschen, die je persönlichen und kollektiven Erfahrungen, die durch das Erzählen weitergegeben werden, verbinden Konfessionen und Religionen. Diese Erzählgemeinschaft ist eine weltweite Lerngemeinschaft. Durch die Zeiten hindurch. Über die Generationen hinweg. Sie ist ökumenisch. Im weitesten Sinn. Ausgerichtet auf den Gott Abrahams, Isaaks, Ishmaels und Jakobs, den Vater Jesu Christi, auf den, der schon immer war und ist.

Das Gottesvolk steht in einer gemeinsamen Erzähltradition. Die Perspektive sind die Erzählschritte in die Zukunft.

 

Kirchenrat Dr. Jens Colditz ist Theologischer Leiter der AEEB.  

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Andrea Wagner-Pinggéra

Der 2. Ökumenische Kirchentag als politisches Bildungsereignis

 

Der 2. Ökumenische Kirchentag 2010 in München wird vermutlich vieles: Fest des Glaubens, Ort ökumenischer Begegnung, kirchliches Spektakel. Vor allem aber – und das gerät über die Prominenz aus Politik, Gesellschaft und Kirche, die sich ein Stell-dich-ein geben wird, leicht aus dem Blickfeld – ist er ein Bildungsereignis allerersten Ranges.

Diese Einschätzung mag vielleicht zunächst verwundern, gewinnt aber bei einem Blick in Geschichte und Selbstverständnis von Kirchen- und Katholikentagen wie auch in das Programm an Plausibilität. Insbesondere im Vergleich mit den Leitlinien der evangelischen und katholischen Akademien und mit Veranstaltungsangeboten von Einrichtungen der kirchlich getragenen Erwachsenenbildung ist die inhaltliche, ideelle und methodische Nähe geradezu augenfällig.

 

Blick in die Geschichte

Ohne zu weit ausgreifen zu wollen, mag es sinnvoll sein, kurz die Geschichte wie das Anliegen von Katholiken– und Kirchentagen zu skizzieren.

Im Mai 1848 fand in Mainz die erste Tagung der Delegierten der neu gegründeten katholischen Vereine und katholischen Abgeordneten der Deutschen Nationalversammlung statt, die heute als erster Katholikentag gilt. „Das Ziel war eindeutig politisch, nämlich die Garantie der Religionsfreiheit und der Freiheit zur katholischen Erziehung als Teil der neu gewonnenen bürgerlichen Freiheit, zu der man sich ausdrücklich bekannte. … Daneben fühlte man sich zwei Anliegen besonders verpflichtet, nämlich der Hebung des Bildungsniveaus der Katholiken und dem Einsatz gegen die soziale Not.“ (1)

Diesen beiden Zielen sieht sich das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, das seit 1868 existiert und seither diese Katholikentage veranstaltet, bis heute verpflichtet. Dementsprechend können und müssen Katholikentage als Wesensäußerung des politischen Laienkatholizismus verstanden werden.

Die Tradition, in der sich der Deutsche Evangelische Kirchentag sieht, ist sehr viel jünger. Im Jahre 1949 unter dem Eindruck der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus und dem weitgehenden Versagen der Kirchenleitungen in dieser Zeit in Hannover gegründet, ist er Ausdruck der Überzeugung, dass Christsein und Weltverantwortung untrennbar zusammen gehören. In diesem Sinne wurde vor 60 Jahren folgendes verabschiedet: „Die in Hannover vom 28. Juli bis 1. August 1949 versammelten Glieder der evangelischen Christenheit in Deutschland beschließen, einen alljährlichen Deutschen Evangelischen Kirchentag zu konstituieren. Er soll der Zurüstung der evangelischen Laien für ihren Dienst in der Welt und in der christlichen Gemeinde dienen sowie die Gemeinschaft und den Austausch mit den Laien der im Weltrat der Kirchen zusammengeschlossenen Kirchen fördern“. (2)

Auch hier handelt es sich um eine Laienbewegung, freilich in einem anderen als dem katholischen Sinne verstandenen, der es neben Glauben und informiertem Handeln auch von Anfang an um die Förderung der Ökumene zu tun war. Die Kirchentagsbewegung entwickelte sich je länger je mehr zu einem „dritten Ort“, an dem über widerstreitende Positionen kontrovers diskutiert und um Grund-orientierungen gerungen wurde. Dabei gilt die Einladung allen, sofern sie bereit sind, sich dem Diskurs zu stellen. Hier ist im Übrigen eine weitere Differenz zum Katholikentag auszumachen. Er will – so H.-J. Meyer ganz dezidiert – „eine Versammlung sein, bei der katholische Positionen formuliert werden und wo Kirche sich darstellt und erfahrbar wird.“ (3)

 

Das Programm und die plurale Gesellschaft

Bei diesem geschichtlichen Herkommen verwundert es nun nicht, dass die beiden Traditionen von ZdK und DEKT auch in der zweiten gemeinsamen Veranstaltung, dem Ökumenischen Kirchentag in München, ihren Ausdruck finden. Dies gilt für das gesamte Programm, wobei durch die vier Themenbereiche vier Schwerpunkte gesetzt werden.

Zwei davon entsprechen in besonderer Weise der Weltverantwortung: „Verantwortlich handeln – Christsein in der einen Welt“ und „Miteinander leben – Christsein in der offenen Gesellschaft“. Sie setzen damit globale wie gesellschaftliche Akzente.

Im Themenbereich „Suchen und finden – Christsein in pluralen Lebenswelten“ findet sich neben dem Dialog mit anderen Religionen auch das Gespräch mit denjenigen, die sich als religiös unmusikalisch bezeichnen. Hier soll die Bedeutung der kulturellen und religiösen Veränderungen, denen die Gesellschaft als Ganze und der Einzelne unterworfen sind, ausgelotet werden.

„Glauben leben – Christsein in der Vielfalt der Kirchen“ schließlich konzentriert das Leitwort, unter dem dieser 2. Ökumenische Kirchentag steht („Damit ihr Hoffnung habt.“), auf die Fragen von Glauben, Kirche und Ökumene.

Neben Vorträgen und Podien bieten gerade die dreitägigen Zentrumsveranstaltungen ausreichend Platz und Gelegenheit, sich einem Thema in Workshops oder auch anderen Arbeitsformen zu nähern: So wird beispielsweise „Umwelt und Ressource“ in großen und kleinen Veranstaltungen einerseits sehr umfassend behandelt, andererseits sehr konkret. Ähnliches trifft für den „Dialog mit den Wissenschaften“ zu: Für die intensive Auseinandersetzung mit dem Anfang und Ende des Lebens, Palliativmedizin, Erkenntnissen aus der Neurobiologie und der Stammzellenforschung drängt sich München als Wissenschaftsstandort geradezu auf. Dabei finden – akademisch angemessen – selbstverständlich Vorträge statt, Streitgespräche, Diskussionen auf dem Podium wie auch mit dem Publikum.

 

Politische Themen sind gefragt

Obwohl eine differenzierte Auswertung der thematischen Veranstaltungen selbstverständlich erst nach dem Ökumenischen Kirchentag sinnvoll ist, an dieser Stelle doch einige Beobachtungen dessen, was sich bereits im Vorfeld abzeichnet.

Zum ersten: Das Interesse an politischen Themen ist nach wie vor ungebrochen, auch wenn der politische Diskurs ruhiger geworden ist. Schon der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag in Bremen war nicht ein Ort harter politischer Auseinandersetzungen – dies wird in München aller Voraussicht ähnlich sein.

Zum zweiten: Zu den klassischen politischen Themen globaler und gesellschaftlicher Verantwortung gesellt sich der ideengeschichtliche Diskurs – die Frage nach den Grundlagen der Demokratie und ihrer Gefährdungen, des Individuums und seiner sinnstiftenden Konstruktionen, die Rolle des Religiösen in einer pluralen Welt.

Zum dritten: Auf der formalen Ebene zeigt sich, dass es einen Trend zu vielen kleinen Veranstaltungen hin gibt. Daraus ergeben sich einerseits größere Beteiligungsmöglichkeiten, was im Sinne einer Demokratisierung sicherlich wünschenswert ist. Andererseits ist dies aber ein Zeichen dafür, dass die Themen offensichtlich groß und damit auch unübersichtlich geworden zu sein scheinen - sie müssen durch viele kleinere Formate erst handhabbar gemacht werden.

Diese Schlaglichter dürften für die evangelische (und im Übrigen auch für die katholische) Erwachsenenbildung so etwas wie ein Barometer sein, verlaufen doch viele Entwicklungen im Bereich von Erwachsenenbildung und Kirchentagen weitgehend parallel. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, in der Erwachsenenbildung und bei Akademietagungen ökumenische Kooperationen einzugehen, und damit den Impuls des Ökumenischen Kirchentages weiterzuführen. Dies ist zwar nicht immer einfach, weil die konfessionelle Bindung selbstverständlich Auswirkungen auf Kultur, Stil, politische Anschauung und Debatte hat. Aber lassen wir uns die Chance der Vielfalt nicht entgehen – auch und gerade nicht im Bereich der Bildung.

(1) H.-J. Meyer: Gleich, ähnlich oder verschieden? Nachdenken über Kirchentage und Katholikentage, in: Catholica 63 (2009), 144.
(2) R. Runge, M. Käßmann (Hg.): Kirche in Bewegung, Gütersloh 1999, 36.
(3) H.-J. Meyer: aaO, 151.

 

Pfarrerin Andrea Wagner-Pinggéra ist Beauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für den 2. Ökumenischen Kirchentag in München.

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Bernhard Liess

„Ja, seid Ihr nicht das Bildungswerk?“

Evangelische Erwachsenenbildung in der Diaspora

 

„Ja, seid Ihr nicht das Bildungswerk?“ Der ältere Herr stand irritiert vor der Tür des Evangelischen Bildungswerks Rosenheim. Eine ganz andere Veranstaltung hatte er besuchen wollen. Doch nun klärte sich alles auf: Er hatte das Bildungswerk, die große katholische Erwachsenenbildungseinrichtung, mit dem kleineren Evangelischen Bildungswerk verwechselt. Das Programm der evangelischen Einrichtung nahm er trotzdem gerne mit, und gelegentlich erlebte ich ihn daraufhin sogar als Teilnehmer an unseren Veranstaltungen.

Eine schmeichelhafte Verwechslung? Oder eher ein Zeichen dafür, wie sehr die Rosenheimer Erwachsenenbildungsszene katholisch geprägt ist und wie sehr die Existenz eines Evangelischen Bildungswerkes in der oberbayerischen Diaspora nach wie vor für Überraschung sorgt?

 

Deutlich wahrgenommen und geschätzt

Der Besuch im (katholischen) Bildungswerk führt die Unterschiede deutlich vor Augen: Ein großes, ästhetisch ansprechendes Haus mit verschiedenen Seminarräumen und einem hellen und einladenden Foyer. Dagegen verfügt das Evangelische Bildungswerk nur über einen kleinen Seminarraum, in dem es im Sommer schnell warm und stickig wird.

Evangelische Erwachsenenbildung in der Diaspora – führt sie ein Schattendasein oder ist sie gar auf verlorenem Posten? Nein, keineswegs! Mit 146 stattgefundenen Veranstaltungen im Jahr 2009 kann sich das Programm durchaus sehen lassen. Die Arbeit des Evangelischen Bildungswerks Rosenheim wird auch in einem immer noch überwiegend katholisch geprägten Umfeld sehr deutlich wahrgenommen und auch geschätzt. Sie umfasst viele Bereiche: Theologie, Spiritualität und Lebenshilfe, Kunst, Kultur und Reisen, Familienbildung und nicht zuletzt die Arbeit des Tageselternservice, der Tagesmütter ausbildet und vermittelt. Das alles verbindende Ziel ist, theologische und religiöse Bildung, biographische und Persönlichkeitsbildung, spirituelle, interreligiöse, gesellschaftspolitische und kulturelle Bildung zu vermitteln. Leitend bleibt dabei ein deutliches christliches und protestantisches Profil, das auf das mündige Subjekt zielt und doch zugleich viel Raum lässt für Weite in der Bildungsarbeit und bei der Themensetzung.

Die Diaspora-Situation bewirkt also gerade keine konfessionalistische Engführung oder einen Rückzug in protestantische Selbstgenügsamkeit. Sie führt auch nicht zu einem abgrenzenden konfessionellen „Auf-die-Pauke-Hauen.“ Dies wäre in der oberbayerischen Diaspora auch ein völlig verfehlter Ansatz, der zudem nicht zu der Offenheit und Liberalität des hiesigen Protestantismus passen würde. Wichtig ist vielmehr die Verbindung von Profil und gleichzeitiger Weite.

Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer spielt vielfach die konfessionelle Ausrichtung des Evangelischen Bildungswerks keine Rolle - so mein Eindruck. Entscheidend ist für sie zunächst einmal die Attraktivität und Qualität der Angebote und nicht der Anbieter, vor allem wenn es beispielsweise um Themen der Lebensführung, von Kunst und Kultur, aber auch des interreligiösen Gesprächs geht. Attraktive Angebote mit kompetenten Referenten und Referentinnen stärken dann aber das Ansehen der Evangelischen Erwachsenenbildung vor Ort und langfristig sicher auch des Protestantismus überhaupt.

 

Konstruktive Zusammenarbeit

Die Situation in der oberbayerischen Diaspora bedeutet, dass das EBW Rosenheim für ein großes Flächendekanat zuständig ist, das sich von der österreichischen Grenze bei Kiefersfelden bis in den S-Bahn-Bereich von München (Grafing und Ebersberg) erstreckt. Dies hat Vor- und Nachteile: Die langen Fahrtwege haben zur Folge, dass zu zentralen Veranstaltungen in Rosenheim hauptsächlich Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Rosenheim und Umgebung kommen. Eine Anfahrt von 40 km aus Haag zu einer Bildungsveranstaltung in Rosenheim ist kaum zumutbar und auch nicht zu erwarten.

Ein wichtiges Anliegen ist es daher, die Kooperation mit den Kirchengemeinden vor Ort zu suchen und dort dezentral Veranstaltungen anzubieten. Dies erfordert jedoch viele Absprachen und ist immer wieder auch nicht ganz leicht, da die Planungen einer Kirchengemeinde und eines Evangelischen Bildungswerks eben doch sehr verschieden sind und die Bereitschaft einiger Kirchengemeinden zur Kooperation sicherlich noch ausbaufähig ist. Andererseits können bestimmte, einmal konzipierte Veranstaltungen auch an mehreren Orten durchgeführt werden, ohne dass dabei die Gefahr von Doppelungen besteht.

Kooperationen mit anderen Bildungsträgern, wie Volkshochschule, Bibliotheken und katholischen Bildungswerken, sind gerade für ein kleines evangelisches Bildungswerk eine große Chance, aber zugleich immer auch eine Herausforderung. Angesichts der vielen Bildungsträger in diesem großen Dekanat ist eine Auswahl im Blick auf Kooperationen erforderlich.

Eine besondere Zusammenarbeit verbindet uns mit dem (katholischen) Bildungswerk Rosenheim. Bei der Programmplanung sprechen wir uns ab, um Überschneidungen zu vermeiden, und immer wieder konzipieren wir gemeinsam Veranstaltungen, etwa im Bereich der theologisch-religiösen, der ökumenischen und interreligiösen Bildung. Der Dialog findet auf Augenhöhe statt, und vielfach erlebe ich das Evangelische Bildungswerk als den Partner, der Ideen anregt oder auch Projekte anstößt.

Die Kooperationen sind für beide Seiten sehr fruchtbar: Sie sparen Kosten für Referenten und erreichen ein größeres Publikum. Darüber hinaus ist eine Zusammenarbeit Ausdruck gelebter Ökumene, auch eben in der Erwachsenenbildung, und macht die zahlreichen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Konfessionen deutlich. Eine Kooperation auf Augenhöhe zwischen zwei gleichberechtigten Partnern – auch wenn sie von unterschiedlicher Größe sein mögen – stärkt darüber hinaus auch das Ansehen der evangelischen Erwachsenenbildung.

 

Evangelisches Profil

Evangelische Erwachsenenbildung kann ihre Stärke immer dann auf besondere Weise zeigen, wenn sie ihr Uranliegen des mündigen Subjekts nicht aus den Augen verliert. Seit mehreren Jahren führen wir in Rosenheim Theologiekurse durch, die auch von kirchlich Distanzierten, Konfessionslosen und katholischen Teilnehmenden besucht werden. Das Konzept besteht darin, die Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition in Verbindung zu setzen mit der Thematisierung von eigenen Lebens- und Sinnfragen. Es geht dabei nicht um eine explizit missionarische Arbeit, sondern darum, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Raum für Gespräch und Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition im Spiegel ihrer eigenen Biographie zu eröffnen, ohne dabei belehrend zu sein. Diese Offenheit und Freiheit ist es gerade, die immer wieder sehr positiv gewertet wird, für Überraschung seitens der Teilnehmenden sorgt und schließlich „vertrauensbildende Maßnahmen“ gegenüber dem Protestantismus und nicht zuletzt der evangelischen Kirche begründet.

Im Rahmen einer Lerngemeinschaft den mündigen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ihn in seiner Mündigkeit ernst zu nehmen und dieser Mündigkeit auch etwas zuzutrauen anstatt sie konfessionell-ängstlich zu beäugen – es lohnt sich, wenn sich Evangelische Erwachsenenbildung gerade auch in der Diaspora wieder auf dieses Kernanliegen besinnt.

 

Pfarrer Dr. Bernhard Liess ist theol.-päd. Mitarbeiter im Evangelischen Bildungswerk Rosenheim und Öffentlichkeitsreferent im Evangelisch-Lutherischen Dekanat Rosenheim.

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Georg Rieger

Bildung als Aufgabe der Gemeinde

Eine evangelisch-reformierte Perspektive

 

Angelegenheiten, die sich auf der Ebene der Gemeinde regeln lassen, sollen dort auch verwirklicht werden. Das ist ein reformiertes Prinzip, das auch Auswirkungen auf die Bildungsarbeit hat. Dazu kommen die äußeren Umstände: Große Bildungseinrichtungen kann sich eine kleine Kirche nicht leisten. Die Gemeinden sind darauf angewiesen, sich selbständig vor Ort zu profilieren und durch eine überzeugende Arbeit Menschen zu gewinnen. Daher ist Bildungsarbeit Aufgabe der Gemeinde.

Und es ist eine Aufgabe, die immer wichtiger wird. In den Gemeinden ist die Nachfrage nach theologischem Grundwissen und nach Austausch über Fragen des Glaubens spürbar. Vielleicht kommt es den Reformierten in diesem Fall zugute, dass sie den Ruf haben, „verkopft“ zu sein. Jedenfalls stellen sie sich dieser Aufgabe gerne. Selbst manche Predigt im Sonntagsgottesdienst erfüllt den Tatbestand der Bildungsarbeit und nimmt die Tradition der „Lehrpredigt“ auf.

Gemeindeseminare haben guten Zulauf, die sich an die eigenen Mitglieder richten und die Auskunftsfähigkeit über den Glauben zum Ziel haben. Und immer mehr Gemeinden wenden sich mit Veranstaltungen an die Öffentlichkeit, in denen theologische Themen im Mittelpunkt stehen. Am besten ziehen interessanterweise die klassischen Themen: die Bibel, die Rechtfertigung, die zehn Gebote und die reformierten theologischen Positionen zum Bilderverbot und zur Vorsehung.

 

Bildungsoffensive Calvinjahr

Ein gutes Beispiel für gemeindeorientierte Bildungsarbeit war das Jubiläumsjahr 2009 zum 500. Geburtstag von Johannes Calvin. Der Genfer Reformator erfreute sich bislang keines guten Rufes. Allerdings war auch das Wissen über seine Biografie und Theologie selbst in akademischen Kreisen mäßig. So war es für die Reformierten eine echte Herausforderung, das Bild eines ihrer Gründerväter in der Öffentlichkeit zurecht zu rücken.

Natürlich kamen dabei auch die Medien ins Spiel: Filme wurden gedreht, ein Magazin herausgegeben, Artikel geschrieben, Reden gehalten. Aber die nachhaltigste Calvin-Fortbildung fand in hunderten von Gemeindeveranstaltungen statt. Als Beispiele aus den zehn Gemeinden in Bayern seien genannt: In Erlangen eine Vortragsreihe mit prominenten Referenten und eine öffentlichkeitswirksame Preisverleihung. In Nürnberg ein Calvin-Wochenende mit einem ganztägigen Workshop. In mehreren Gemeinden war der Journalist Uwe Birnstein ein gern gesehener Gast mit einer Lesung aus seiner Calvin-Biografie. Und das Beste: Der Zugewinn an Wissen ist spürbar und das Interesse ist ungebrochen.

 

Ökumenische Zusammenarbeit

Eine interessante Erfahrung dieses Jubiläumsjahres war auch, dass man mit Bildungsangeboten in der Ökumene etwas bewegen kann. Katholische wie lutherische Stadtakademien haben Veranstaltungen mit in ihr Programm aufgenommen. Und die Pfarrer unserer Gemeinden waren zu zahlreichen Vorträgen über Calvin in Nachbargemeinden eingeladen. Entgegen der landläufigen Meinung, dass „die Kirche“ am besten mit einer Stimme reden soll, weckt die Vielfalt offensichtlich auch Interesse.

 

Vernetzung der Bildungsangebote

Bildungsarbeit auf der Ebene der Gemeinde ist ja durchaus eine anspruchsvolle Aufgabe und bleibt leider meistens an den Pfarrerinnen und Pfarrern hängen. Aber es muss ja nicht ständig das Rad neu erfunden werden. Das Internet bietet heute die Gelegenheit, in Sachen Bildung Aufgaben zu teilen. Der Reformierte Bund in Deutschland hat zu diesem Zweck ein Internetportal entwickelt, über das unter anderem Gemeindeveranstaltungen, Vorträge und Arbeitsmaterialien ausgetauscht werden. Die am meisten abgefragte Seite unter www.reformiert-info.de ist interessanterweise die zur eigenen Identität, nämlich zu der Frage: „Was ist reformiert?“

 

Reformierter Bildungsauftrag

Die Bedeutung der Bildung als Aufgabe in der Gemeinde kommt nicht von ungefähr: Johannes Calvin kann man ohne Übertreibung den Vater der protestantischen Bildungsarbeit nennen. Mit der „Institutio“ schrieb er das erste theologische Lehrbuch der evangelischen Theologie und 1559 gründete er in Genf die Akademie, in der protestantische Pfarrer aus ganz Europa eine theologische Ausbildung erhielten. Vor allem aber führte er als eines der Ämter in der Gemeinde das Amt des Lehrers ein – gleichberechtigt zum Pfarramt, den Diakonen und den Ältesten als Leitungsgremium der Gemeinde. „Die besondere Aufgabe der Doktoren besteht darin, die Gläubigen in der heilsamen Lehre zu unterweisen, damit die Reinheit des Evangeliums weder durch Unkenntnis noch durch Irrlehren getrübt wird.“ So direktiv verstehen wir heute den Bildungsauftrag nicht mehr und die Doktoren haben wir auch nicht mehr allerorten zur Verfügung. Aber der Sache nach bleibt der Auftrag, die Gemeinde (im weiteren Sinn verstanden auch die interessierte Öffentlichkeit) „in Kenntnis“ zu setzen und so eine mündige und gesprächsfähige – eben gebildete – Gemeinde zu sein.

 

Pfarrer im Ehrenamt Georg Rieger ist Öffentlichkeitsbeauftragter der Evangelisch-reformierten Kirche in Bayern.

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Hans Jürgen Luibl

Auf gute Nachbarschaft

Europas Integration und die Kirche

 

Geschafft! Nach jahrelangem Ringen ist der Vertrag von Lissabon von allen Mitgliedsländern der EU ratifiziert. Was als Verfassung der EU begonnen hatte, in nationalen Referenden kritischen Korrekturen unterzogen und dann verändert wurde, ist zum 1. Dezember 2009 als Vertrag von Lissabon in Kraft getreten. Damit hat die EU eine, wenn nicht gänzlich neue, so doch tragfähige Basis für gemeinsames Handeln. Dazu gehören unter anderem die Ausweitung des Prinzips der qualifizierten Mehrheit, die Einführung des Amtes eines hohen Vertreters der Union für Außen- und Sicherheitspolitik, eine Ausweitung der Rechte des Europäischen Parlaments und auch eine stärkere Einbindung der nationalen Parlamente in den europäischen Gesetzgebungsprozess. Die europäische Integration hat eine neue Stufe erreicht.

 

Religionsfreiheit des Christentums und Brüssler Bürokratie

Na, und? So könnte man hier, gerade seitens der Kirchen zurückfragen. Was bedeutet das für die christliche Religion, wo betrifft es das Christentum? Auch mit dem Lissabonvertrag oder gerade durch ihn verstärkt ist Europa ein bürokratisches Konstrukt mit Tendenz zu Vereinheitlichung aller Lebensbereiche. Und manche in den Kirchen monieren, dass dieses Europa sich in Sachen Religion oder gar Christentum eher reserviert und distanziert zeigt. Steht das moderne Europa nicht in der Tradition des christlichen Abendlandes? Wäre es demnach nicht adäquat gewesen, die Präambel des Verfassungsvertrages auch entsprechend beginnen zu lassen – etwa mit der Formel: „Im Namen Gottes …“.

In der Tat gab es seitens der Kirchen Vorstöße, einen Gottesbezug in der Verfassung zu verankern - dies aber wurde in einer gesamteuropäischen Meinungsbildung abgewehrt. Als letzten Rest dieser abendländisch-christlichen Tradition findet sich in der Präambel noch der Hinweis auf das „kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas“ – gerade so, als seien die christlichen Traditionen tot und zum Erbe einer neuen Generation geworden. Für einige war dies ein sicheres Zeichen dafür, dass Europa nicht nur bürokratisch, sondern auch religionskritisch ist. Wie religionskritisch, das zeigte doch auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Herbst 2009, nach dem in Italien Kruzifixe im Klassenzimmer keinen Platz haben sollen ... Ist es da nicht besser für die Kirchen, Europa sein zu lassen und Zuflucht zu suchen in den angestammten nationalen Grenzen, wo die Kulturhoheit der Länder auch die Religionsfreiheit des Christentums schützt statt sich der Brüssler Bürokratie auszusetzen?

Ganz falsch sind solche Betrachtungsweisen nicht, aber nur begrenzt richtig. Zunächst: die Kritik an einer Bürokratisierung und Vereinheitlichung der EU mag berechtigt sein, übersieht aber in der Verallgemeinerung, dass gemeinsame Standards in Europa Ausdruck einer gewachsenen Gemeinschaft und Hoffnung auf Vertiefung dieser Gemeinschaft sind. Der Abbau von Grenzen, der einen freien Waren- und Personenverkehr ermöglicht, bedeutet auch die Entwicklung von gemeinsamen Standards, die diesseits und jenseits der Grenzen und am besten in ganz Europa gelten. Die berühmt-berüchtigte Gurkenverordnung über den Krümmungswinkel der Gurken – eine Verordnung, die lange vor der europäischen Integration in Kraft war, um den Warenverkehr zu vereinheitlichen – gehört ebenso dazu wie das Ringen um gemeinsame Sozialstandards oder der Kampf gegen Wirtschaftsmonopole, mit denen Europa durch Firmeninteressen dominiert werden soll. Wo Europa zusammenwächst, braucht es Regelungsmechanismen zur guten Nachbarschaft.

 

Ein neuer Impuls für die europäische Integration

Das könnte auch ein entscheidender Punkt des Lissabon-Vertrages sein: ein Zeichen oder auch eine neue Wegmarke auf dem Weg der europäischen Integration. Diese ist nach dem Startschuss durch den Schumannplan 1950 und mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) Schritt für Schritt vorangekommen, immer wieder auch stehen geblieben und manchmal gab es Rückschritte. Der letzte große Schritt gelang 1989 mit dem Fall der Mauer.

Der Fall des Eisernen Vorhangs eröffnete neue Perspektiven für ein integriertes Europa. Dies wurde auch teilweise umgesetzt durch die EU-Erweiterung von 2004 und 2007. Gleichzeitig aber ist die Zustimmung zu Europa in der Bevölkerung gesunken – nicht 1989, wohl aber 10 Jahre später, etwa mit Beginn des neuen Jahrhunderts. Es begannen in Ost und West die nationalen Vorbehalte wieder zu wachsen. Ein Zeichen dafür war der Widerstand gegen den Verfassungsvertrag, der das neue Miteinander regeln sollte. Während die Charta der Grundrechte der EU in einem Europahoch entstanden und 2000 feierlich proklamiert wurde, blieb ihre Ratifizierung im Rahmen eines Verfassungsvertrags aus. Mit der Ratifizierung des Lissabonvertrags könnte ein neuer Impuls für die europäische Integration verbunden sein.

 

Ähnliche Entwicklungen im kirchlichen Bereich

Was hier im politischen Bereich Europas geschieht, ist den Entwicklungen im kirchlichen Bereich nicht unähnlich. 1989 – im Jahr des Mauerfalls und zeitlich vor diesem! – fand in Basel die erste europäisch-ökumenische Versammlung statt. Mit ihr war eine Aufbruchstimmung verbunden, die ökumenische Bewegung in Europa hatte einen enormen Schub erhalten. Der Schub war so groß, dass 2001 die Charta Oecumenica verabschiedet wurde, eine Art Verfassungsvertrag der europäischen Kirchen, ratifiziert durch die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE).

Die dritte europäisch-ökumenische Versammlung in Rumänien 2007 hatte mit 2100 Delegierten eine hohe kirchenoffizielle Akzeptanz – für die ökumenische Bewegung allerdings, das Miteinander von Orthodoxen, Katholiken und Evangelischen brachte diese Versammlung keine neue Perspektiven und keinen Schwung. Diese Entwicklung könnte ein Hinweis darauf sein, dass die europäische Ökumene nicht unabhängig von den europäischen Integrationsprozessen zu sehen ist.

Sind Europas Kirchen auch keine Staaten, so sind sie doch Teil des europäischen Miteinanders, werden von politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen geprägt, manchmal auch gebremst. Dies zu übersehen, wäre fatal. Umgekehrt bedeutet es nicht, dass Europas Kirchen-Ökumene nur als Schifflein auf den Wellen der europäischen Integration mitschwimmt, mit allen Höhen und Tiefen. Vielmehr müssen die Kirchen Europas im ökumenischen Prozess immer neu überlegen, für welches Europa sie stehen und wie sie dieses Europa mitgestalten können.

An dieser Stelle ist nun der Lissabon-Vertrag von besonderer Bedeutung. Denn hier heißt es im Teilvertrag „Über die Arbeitsweisen der Europäischen Union“ in Artikel 17:
„(1) Die Union achtet den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedsstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen und beeinträchtigt ihn nicht.“
„(3) Die Union pflegt mit diesen Kirchen und Gemeinschaften in Anerkennung ihrer Identität und ihres besonderen Beitrags einen offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog.“

Dies sind zwei Bestimmungen von besonderer Bedeutung: Zum einen wird die Rechtsgrundlage der Kirchen nicht auf EU-Ebene vereinheitlicht, sondern diese bleiben im nationalen Rechtssystem geschützt. Das ist eine wichtige Aussage, da die Kirchen sich seit der Reformation und mit der Moderne in nationalen Grenzen entwickelt haben.

Gleichzeitig - das zeigt das Kruzifix-Urteil des Europäischen Menschengerichtshofs - kann europäisches Recht auch in kirchlich-nationalstaatliche Fragen eingreifen. Dies mag man als bedrohlich sehen, wenn man etwa an den deutschen Sonderweg in Sachen Kirchensteuer denkt, der eines Tages auch auf den Prüfstand der EU kommen könnte. Umgekehrt läge darin aber auch eine Möglichkeit, kirchlich-religiöse Fragen und Konflikte über die Ländergrenzen hinaus als europäische Themen zu formulieren. Dies mag gerade für religiöse Minderheiten eine neue Perspektive eröffnen.

Noch wichtiger als der Absatz 1, der den Status Quo festschreibt, ist Absatz 3, in dem Kirchen und Gemeinschaften ein institutionalisierter Dialog mit der EU eröffnet wird. Diese Regelung ist schon deswegen bemerkenswert, weil keiner anderen Institution innerhalb der EU dies eingeräumt wird.

Die Kirchen, allerdings nicht sie alleine, haben damit ein Mitspracherecht auf europäischer Ebene. Die Frage ist allerdings, ob Kirchen in Europa diesem Dialogangebot gerecht werden können. Denn dies impliziert, dass Kirchen zum einen noch stärker als bisher europäische Entwicklungen wahrnehmen und europäische Institutionen ernst nehmen sollten. Nationalstaatliche Selbstgenügsamkeit hilft Kirchen hier gerade nicht weiter. Zum anderen bedeutet dies ein Mehr an Ökumene für die Kirchen Europas: Die Entwicklung von gemeinsamen Positionen braucht auch gemeinsame Strukturen zur Meinungsbildung. Das darf nicht zu einer Vereinheitlichung führen, an dessen Ende die stärkste Kraft das Sagen hat oder nur noch der kleinste gemeinsame Nenner gilt. Vielmehr muss sich die Vielfalt kirchlicher Perspektiven zeigen und im gesellschafts-politischen Dialog eingebracht werden.
Ähnlich wie die Nationalstaaten stehen damit die Kirchen vor der Frage, wie in einem geregelten Verfahren, eventuell mit qualifizierender Mehrheit und in Rückbindung an Synoden, Positionen gefunden werden können. Anders als bei den Nationalstaaten leben Kirchen von Gemeinden, Gruppen, Bewegungen, die hier gehört werden müssen: Frauengruppen, Lehrer/innenverbände, Jugendorganisationen auf europäischer Ebene und viele andere mehr. Kirchenamtliche Meinungsfindung wäre hier eine Engführung. Am Ende aber entscheidet über die Akzeptanz kirchlicher Positionen und Perspektiven die Qualität des Beitrags.

Welches wäre nun der besondere Beitrag der Kirchen für die und in der Integration Europas? Jenseits vieler einzelner Sachfragen – von der Gentechnik bis zur Sterbehilfe, vom Umgang mit Minderheiten bis zur Bedeutung von Bildung und Diakonie – ist eine Linie nicht zu übersehen: jene der Versöhnungsarbeit.

Kirchen haben den Versöhnungsdienst im europäischen Kontext schon vor Ende des Zweiten Weltkriegs wahrgenommen. Deutsch-französische, deutsch-skandinavische, deutsch-polnische, deutsch-tschechische Aussöhnung war seit 1945 immer auch getragen vom Engagement der Kirchen. Die Hoffnung im grenzüberschreitenden Denken und Handeln richtete sich weniger auf ein integriertes und mehr auf ein versöhntes Europa.

Einheit in versöhnter Verschiedenheit – das könnte ein gutes europäisches und kirchliches Motiv sein und zugleich ein Stachel oder besser Anreiz für eine neue Ökumene in Europa. Auf gute Nachbarschaft – ökumenisch-europäisch.

 

Pfarrer Dr. Hans Jürgen Luibl ist Leiter von BildungEvangelisch Erlangen und Erster Vorsitzender der AEEB.

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Renate Kopp

Nicht eins, aber nah beieinander

Ökumenische Zusammenarbeit an der erwachsenenbildnerischen Basis

 

Seit ungefähr elf Jahren gibt es in Augsburg eine intensive Zusammenarbeit zwischen meinem katholischen Kollegen von der Katholischen Erwachsenenbildung Stadt Augsburg e.V., Christoph Wessel, und mir, der Bildungsreferentin beim Augustana-Forum. Voraussetzung und Basis für unsere kreative, wertschätzende und konkurrenzfreie  Zusammenarbeit waren und sind Sympathie und Vertrauen. Wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann lassen sich alle möglichen Probleme, die im Rahmen der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von gemeinsamen Veranstaltungen entstehen können, gut lösen. Solche gibt es. Da stellt sich etwa die Frage, wer die gemeinsam erwirtschafteten Teilnehmerdoppelstunden abrechnet oder wer welche Organisationsarbeit in welchem Umfang übernimmt. Manchmal ist Klärungsbedarf, wie man damit umgeht, wenn in einem Jahr einmal mehr Ideen aus der evangelischen Ecke und dann, im nächsten Jahr, wieder mehr vom katholischen Kollegen eingebracht werden.

Zwei thematische Schwerpunkte der Zusammenarbeit haben sich bei uns herausgebildet. Und interessant ist, dass in keinem der beiden ökumenische Inhalte diskutiert werden.

 

Kunstfahrten oder der Blick auf existentielle Fragen des Menschen

Ob es nun zu Ausstellungen mit Bildern von Sieger Köder oder mit Werken über „Liebespaare“ von Auguste Rodin ging, ob wir uns die Pinakothek der Moderne oder das Buchheim Museum vornahmen, immer gab es einen ähnlichen Aufbau: einführende Informationen zu Künstler und Werk im Bus, gebuchte oder eigene Führungen vor Ort und von uns moderierte Kunstbetrachtungen vor ausgewählten, einzelnen Werken im Dialog mit den Teilnehmenden. Und es gibt ihn: einen katholisch gefärbten Blick auf Kunst und einen evangelisch gefärbten Blick darauf. Das zeigt sich immer wieder einmal, wenn es im Kunstwerk etwa um Hierarchien, um Sexualität oder um Freiheit und Form geht. Es sind Nuancen, aber sie sind spürbar.

Die Teilnehmenden achten nicht nur auf die Kunst, sondern auch darauf, wie die Leitung miteinander umgeht. Nicht selten bedanken sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine gelungene, sichtbare, ökumenische Zusammenarbeit, die sie auch als hoffnungsvoll für die Ökumene erleben.

Positive Nebenwirkung: Auch im Bus ereignet sich ökumenischer Dialog. Teilnehmende an den Kunstfahrten begegnen Teilnehmenden der anderen Konfession.

 

Die Lokale Agenda 21 oder Ausblick auf existentielle Zukunftsfragen

Viele ökologische, entwicklungs- und sozialpolitische Vortragsthemen wurden von uns bearbeitet. Mein katholischer Kollege und ich werden von den politischen Akteuren und Initiativgruppen in der „Arbeitsgemeinschaft Bildung und Nachhaltigkeit“ als Kirche wahrgenommen. Hier unterscheidet keiner zwischen katholisch und evangelisch. Hier vertreten wir „Kirche“ und sind für viele andere im Gremium der erste oder einzige persönliche Kontakt zum Christentum. Hier wird genau darauf geachtet, welche Position wir im Blick auf die oben genannten Themen vertreten, ob wir als Christ und Christin als authentisch im Blick auf die Weltverantwortung wahrgenommen werden. Ich wüste gerne, ob den Vertreterinnen und Vertretern kirchenleitender Organe bewusst ist, dass wir für Teile der Stadtgesellschaft „Kirche“ repräsentieren.

Diese Erfahrungen sind nicht einfach übertragbar. Aber vielleicht machen sie Mut, es zu wagen, mehr ökumenisch anzubieten. Probieren Sie es aus, wenn die Basis stimmt.

 

Dipl. Rel.-Päd. (FH) Renate Kopp ist Bildungsreferentin bei der Evang. Stadtakademie „Augustana-Forum“ in Augsburg.

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Konstantin Bischoff

Ökumene braucht Bildung - zwischen Vortrag und Pantomime

 

Wir sind in einer katholischen Kirche. Die Tür öffnet sich. Zwei Damen betreten den Raum. Eine schaut sich neugierig um, sie wirkt nicht so, als wäre sie oft hier. Ihr Blick bleibt am Weihwasserbecken hängen. Sie geht darauf zu und beginnt sich in aller Inbrunst zu waschen … Die zweite Dame unterbricht sie höflich, taucht ihre Hand ein, macht zunächst selbst das Kreuzzeichen und macht es bei der anderen.

Nein, die Szene ist nicht Teil des echten Lebens, kein Anzeichen für die immer stärkere Entfremdung der Christen von ihrer eigenen Kirche. Sie ist der Beginn einer ökumenischen Kirchenführung der ganz besonderen Art. Unter dem Motto „Typisch evangelisch – typisch katholisch“ zeigten zwei Pantomimen unter der Leitung von Theologen in eindrucksvoller Art und Weise auf, welche Orte und Verhaltensweisen in der jeweiligen Kirche von besonderer Bedeutung sind. Auf mystagogische Art und Weise sollte die pantomimische Darstellungsweise den Finger auf die Momente und Orte legen, die typisch evangelisch, typisch katholisch sind. Ziel ist, Verständnis für den Anderen zu wecken und zu erklären, was die jeweilige Konfession erst greifbar macht.

 

Eine Fülle an ökumenischen Projekten und Bildungsangeboten

Diese besondere Dachauer Veranstaltung, getragen von der evangelischen und der katholischen Erwachsenenbildung, hat sehr viel gemeinsam mit einer schier unglaublichen Fülle an ökumenischen Projekten und Bildungsangeboten in Vorbereitung auf den ökumenischen Kirchentag. So gibt es aktuell fast in allen Regionen Vorträge zur Geschichte der ökumenischen Bewegung, zum Stand der Diskussion, aber auch zur Spiritualität der Ökumene. Darüber hinaus wird es oft sehr konkret. So lernen bei ökumenischen Kinderbibeltagen schon die Kleinsten zusammen die Heilige Schrift kennen, Jugendliche feiern ihren Kreuzweg gemeinsam oder die Gemeindeverantwortlichen überbringen sich gegenseitige Ostergrüße. An manchem Ort haben sich ökumenische Marienandachten ebenso etabliert wie gemeinsame Schulanfangsgottesdienste. Zudem werden gemeinsame Reisen durchgeführt, Chöre gebildet und Hospizvereine gegründet.

Gerade die Vorbereitung auf den ökumenischen Kirchentag scheint aber auch ein Anlass zu sein, den Blick vom gemeinsamen Handeln und Feiern wieder auf die Hintergründe zu richten. Die Folge sind unzählige Vorträge und Podien zu allen Themen des ökumenischen Dialogs. Sowohl schon lange in der Ökumene aktive Christen als auch neue Interessierte können sich darüber informieren, was der anderen Konfession wichtig und „heilig“ ist. Häufig entdecken Teilnehmer und Teilnehmerinnen durch die notwendige Fokussierung und Zuspitzung auch noch Neues an der eigenen Konfession. Dieses gegenseitige Wissen um Traditionen und den Stellenwert bestimmter Orte und Handlungen ermöglicht es, die Gottesdienste und das Handeln der anderen Konfession als Bereicherung wahrzunehmen.

 

Neue Sprache für alte Inhalte

Immer wieder machen Verantwortliche aber die Erfahrung, dass Veranstaltungen ausfallen müssen oder stets wieder die gleichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreichen. Ist in der ökumenischen Bildung eine Sättigung erreicht oder nimmt gar das gegenseitige Interesse ab?

Vielleicht muss sich weniger der Inhalt als die Sprache ändern, vermutete der Verantwortliche für die theologische Erwachsenenbildung in Dachau, als er sich die zwei Pantomimen zu Hilfe holte, um typisch evangelische und typisch katholische Orte und Verhaltensweisen vorzustellen. Als besonders spannend stellte sich heraus, dass eine der beiden Schauspielerinnen selbst vorher keinerlei Bezug zur Kirche hatte. Das Schema zeigt sich einfach: eine „stellt die Fragen“, die andere „antwortet“, natürlich ohne Worte. Die Themen hatten es durchaus in sich. So wurden bei „typisch katholisch“ neben dem Weihwasserbecken, der Altar als Ort der Wandlung, der Tabernakel, das ewige Licht und das Kerzenanzünden in der Marienkapelle vorgestellt. In der evangelischen Kirche, einige Tage später, konnten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen erleben, wie ihnen die Kirchenform, das Taufbecken, die Orgel als Ort der „Lust am Loben“, die Kanzel und „allein in Christus ist das Heil“ präsentiert wurden. Nur durch kurze Texte begleitet und von Musik gefolgt, machte es gerade die Wortlosigkeit, dass die Orte und Handlungen sehr intensiv erlebt werden konnten. Die Stimmung war nicht nur konzentriert, sondern wohlwollend, neugierig, aber auch nachdenklich.

Ökumenische Bildung hat hier ganz sicher Fakten präsentiert, aber sie hat die Menschen auch tiefer gepackt. Sie hat eindrucksvoll klar gemacht, dass in der Ökumene konfessionelle Unterschiede und Verhaltensweisen nicht nivelliert werden dürfen, sondern dass sie für die jeweiligen Christen wichtig und unverzichtbar sind. Zu wissen, warum es sie gibt und zu spüren, was sie dem anderen bedeuten – das bietet Chancen für ein fruchtbares Miteinander.

Dieses Lernen geschah in Dachau in unglaublicher Leichtigkeit. Einer Leichtigkeit, die Mut macht für viele andere Projekte.

Aus der Bibel fliegen von den Schauspielerinnen angepustet von der evangelischen Kanzel zwei Federn in den Kirchenraum. Sie unterstreichen die Bedeutung der Schrift in der evangelischen Kirche. Das ist klare verständliche Sprache. Das behalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Erinnerung – und lernen damit vielleicht sogar noch für ihre eigene Konfession hinzu.

 

Konstantin Bischoff, KEB München und Freising, studiert Katholische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universtität München.

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Jörg Mathern

Kirchliche Erwachsenenbildung in ökumenischer Partnerschaft 

 

„Als in Christus gerechtfertigte Menschen sind wir gerufen, eine Nachfolge- und Lerngemeinschaft zu bilden“, heißt es im Qualitätsverständnis des Bildungswerkes der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Der „Optimismus der Gnade“ - Merkmal methodistischer Theologie - soll dabei das gemeinschaftliche Handeln in der Erwachsenenbildung prägen, zu dem auch die ökumenische Zusammenarbeit gehört. Die folgenden zwei Beispiele kirchlicher Erwachsenenbildung bringen die ökumenisch partnerschaftliche Zusammenarbeit zum Ausdruck:

 

  • Die Kirchliche Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung Baden- Württemberg – zu der auch das Bildungswerk der EMK gehört – organisierte 2009 in Stuttgart die Ausstellung „Noch mal leben – eine Ausstellung über das Sterben.“ Gezeigt wurden eindrucksvolle Portraits von Menschen, die dem Tod sehr nahe sind. Ergänzend dazu gab es ein Angebot mit über 20 thematischen Abendveranstaltungen und Meditationen. Dr. Lothar Elsner, Leiter des Bildungswerkes der Evangelisch-methodistischen Kirche, berichtete von eindrucksvollen Begegnungen im Rahmen dieses Projektes.
  • Seit 2003 gibt es in Lage/Ostwestfalen einen ökumenischen Projektkreis mit Lutheranern und Methodisten, die eine Partnerschaft mit der methodistischen Kirchengemeinde Cambine in Mosambik begonnen haben. Ziel dieser Partnerschaft unter dem Motto „Glauben gemeinsam leben“ ist ein lebendiger Austausch zwischen den Partnern, Anteilnahme am Leben und Glauben der Partner und materielle Hilfe beim Aufbau der Infrastruktur in Cambine. Im Rahmen eines gemeinsamen Workcamps 2005 wurden beispielsweise Solaranlagen und Wasserpumpen installiert.

 

Neben vielen anderen wollen diese zwei Projekte „Menschen ermutigen, das Leben aus Gottes Gnade zu leben, seine Liebe in dieser Welt und das gerechte Zusammenleben der ganzen Schöpfung sichtbar werden zu lassen“, wie es im Qualitätsverständnis des Bildungswerkes der Evangelisch-methodistischen Kirche heißt. Kirchliche Erwachsenbildung in ökumenischer Partnerschaft - da schwingt das Leitwort des 2. Ökumenischen Kirchentages mit: „Damit ihr Hoffnung habt.“

 

Jörg Mathern ist Religionslehrer und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Bildungswerk der Evangelisch-methodistischen Kirche.

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Gudrun Steineck

Ökumene als eine Chance, die eigene Kirche besser kennen zu lernen

 

Als Schülerin hatte es mich geärgert, dass meine katholische Freundin nicht am Religionsunterricht teilnehmen durfte. So begann ich, mich für die andere Kirche zu interessieren. Ich besuchte eine Messe, verstand aber wenig dabei und Weihrauch vertrug ich auch nur schlecht. Dennoch zog mich etwas an, weil vielleicht alles so anders war als das mir Vertraute. Und die katholische Glaubenswelt schien mir irgendwie frömmer und heiliger zu sein als meine evangelische.

Aber was war denn meine evangelische Welt? Ich hatte die Konfirmation hinter mir, der ein zweijähriger Konfirmandenunterricht sowie eine abschließende Prüfung vorausgegangen war. Dennoch wusste ich herzlich wenig über den Kern unseres protestantischen Bekenntnisses. Luthers kleiner Katechismus war zwar auswendig gelernt, aber nicht mit persönlichem Glaubensleben gefüllt.

Als ich dann mit eben dieser katholischen Freundin die Messe besuchte, fragte ich das erste Mal nach den Inhalten, nach Liturgie und Verkündigung, nach Frömmigkeit und dem damit verbundenen Glauben.

Und das Schicksal wollte mich wohl auf eine besondere Art auf die Vertiefung meiner protestantischen Wurzeln hin prüfen, indem ich den Mann meines Lebens traf, der römisch-katholisch war und den ich natürlich mit kirchlichen Segen heiraten wollte. Damals musste man, so man eine Befreiung von der Formpflicht (Dispens) erlangt hatte, versichern, dass die Kinder, die aus der Ehe hervorgehen würden, katholisch erzogen würden. Da waren lange Gespräche notwendig, die schließlich dazu führten, dass wir evangelisch getraut wurden. Aber ich wollte natürlich meinem Mann auch seine Glaubensheimat lassen. So kam es im Laufe der Jahre dazu, dass ich die Nähe von mir bekannten Theologen suchte, um mit ihnen gemeinsam Antworten auf Fragen zu finden, die mir wichtig waren.

Wenn man zudem noch in einer Diaspora lebt, wird man ja auch immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert, die man nur wahrnehmen kann, wenn man sich zum Kennenlernen aufmacht und versucht zu verstehen, warum es zu diesen Vorurteilen kam. Der Satz eines Katholiken, „das evangelische Abendmahl ist doch nichts wert“, hat mich seinerzeit tief getroffen. Ich begann darüber nachzudenken, was es denn mir wert war, ob es wohl wirklich die Mitte meines Glaubenslebens bedeutete und warum mich dieser „Vorwurf“ derartig gekränkt hatte.

Wenig aufbauend fand ich dann auch den Vorwurf an die Katholiken, sie nähmen es mit der Wahrheit nicht so genau, weil sie ja nur zur Beichte zu gehen brauchten, um alles wieder ins Lot zu bringen. Aus heutiger Sicht sind das sicherlich überholte Verletzungen. Denn die Menschen, die sich in ihren Kirchen engagieren, sind theologisch mündiger geworden. Dazu hat die Erwachsenenbildung wesentlich beigetragen.