Titelgraphik AEEB

 

 

 

Ortsgemeinde und überparochiale Dienste
Perspektiven eines spannungsreichen Verhältnisses

Dr. Andreas Grabenstein

 

2.2 Kirchliche Orte

 

Vielleicht ist die Rede von den „kirchlichen Orten“ nur der Versuch, durch einen terminologischen Verfremdungseffekt darauf aufmerksam zu machen, dass „Gemeinde“ nicht immer und sofort „Parochie“, also Ortsgemeinde meinen muss, siehe die Kriterien am Anfang. Auch um Werke und Dienste haben sich immer schon Gemeinden gebildet, die diese Kriterien mindestens anfangsweise erfüllen. Die Rede von „kirchlichen Orten“ versucht also, das je Spezifische und Wichtige von Ortsgemeinde und überparochialen Diensten enger aufeinander zu beziehen. Sie nimmt dabei zwei Entwicklungen auf: Ortsgemeinden nehmen bewusst wahr, wo sie schon überparochial wirken, wegen ihrer konkreten Tradition und Situation, wegen ihrer konkreten Orte und Gebäude, wegen bestimmten Themen und Personen vor Ort. Umgekehrt nehmen übergemeindliche Werke und Dienste stärker wahr, dass und wie sich bei ihnen ein Gemeindeleben herausbildet, Gottesdienste und Gemeinschaft, Unterstützung und Bildung.
Ein kirchlicher Ort wäre also eine Kirchengemeinde, die übergemeindliche Aufgaben oder Ausstrahlung hat wie in den Beispielen oben, ein kirchlicher Ort könnte auch eine diakonische Einrichtung sein, die mit bestimmten Beratungs- und Bildungsangeboten in die Region wirkt und die Heimat für eine Themen- oder „Hausgemeinde“ ist. Sehr viel konsequenter als in Bayern sind etwa in Berlin bestimmte regionale und landeskirchliche Dienststellen an Kirchen angesiedelt, zum Teil dort direkt untergebracht und prägen das Angebot und das Gemeindeleben vor Ort mit. Ein in gewisser Hinsicht paradigmatischer, in anderer Hinsicht völlig untypischer „kirchlicher Ort“ ist für mich die „Brücke/Köprü“, das Begegnungszentrum von Muslimen und Christen in Nürnberg: Dort arbeiten Menschen mit hoher Kompetenz im Themenfeld christlich-muslimischer Dialog, an der „Brücke“ angesiedelt ist der landeskirchliche Beauftragte für den christlich-muslimischen Dialog. Gleichzeitig ist die Brücke ein Treffpunkt, ein Lebensort für Christen und Muslime in der Umgebung, mit Gruppen, Kreisen, Freizeit und Bildungsangeboten (allerdings – und dies macht die Brücke so untypisch ohne Gottesdienstangebot...).

Was zeichnet also kirchliche Orte aus? Hier werden für die Region wesentliche Themen eng bezogen und verbunden mit der Spiritualität und dem Gemeindeleben vor Ort. Die Themen und Funktionen von überparochialen Werken und Diensten werden geerdet, an Orte gebunden, an Kontexte, an Lebensgeschichten und an Frömmigkeitsformen. An kirchlichen Orten arbeiten Hauptamtliche mit drei Arbeitsschwerpunkten: Sie bürgen für die inhaltliche Kompetenz beim Thema, sie stehen für eine spirituelle Kompetenz in der Gestaltung des Ortes – und sie koordinieren, trainieren und begleiten Ehrenamtliche, von denen die Arbeit an den kirchliche Orten weithin getragen wird. In den Hauptamtlichenteams sind TheologInnen wie Nicht-TheologInnen vertreten, je nach Profil des Ortes, auf jeden Fall immer auch jemand mit betriebswirtschaftlicher Kompetenz.
Mehr Verantwortung als gegenwärtig könnte bei Ehrenamtlichen liegen, sei es im Bereich des Gemeindelebens, aber auch im administrativen und ökonomischen, auch im inhaltlichen und spirituellen Bereich. Dies knüpft an ein neues Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen an, wie es in den letzten Jahren immer deutlicher sich herausbildet: Ehrenamtliche übernehmen selbständig und hochkompetent bestimmte Aufgabenbereiche für bestimmte Zeiten – die Ehrenamtliche als Helferin auf Lebenszeit ist nur noch ein Modell neben anderen. Ich denke, dass sich kompetente Ehrenamtliche umso mehr für kirchliches Engagement gewinnen lassen, umso eher das Profil des jeweiligen kirchlichen Ortes deutlich und interessant ist, umso eher es klare Regeln, Pflichte und Rechte auch für Ehrenamtliche gibt. Hier haben sich in vielen Gemeinden Stellenbeschreibungen für und Verträge mit Ehrenamtlichen bewährt, die Rechte, Pflichten und „Kündigungsfristen“ umreißen.

Ähnlich wie für die Region und in deren Rahmen würde ich mir auch für die kirchlichen Orte vorstellen, dass ihre Leitungsgremien, Kirchenvorstand oder vergleichbares Gremium, im Rahmen des regionalen Konzepts die Verantwortung über Profil, über Stellen und Finanzen des kirchlichen Ortes haben. Bei unseren Schwerpunkten und Herausforderungen vor Ort: Welche Stellen und welche Mittel brauchen wir? Wo können wir Menschen zur Mitarbeit gewinnen, wo können wir zusätzlich zu den Zuschüssen der Region Mittel akquirieren – durch Fundraising, durch Stiftungen und Spendenaktionen?
Wenn so der Kirchenvorstand bzw. das lokale Gremium Anstellungsträger ist und über Stellen und Ressourcen entscheidet, wird, so vermute ich, das spannungsreiche Spiel zwischen herkömmlichem Pfarramt und Gemeindeleben entscheidend verändert, das Pfarramt wird systemisch aus seiner Allmachts- und Allzuständigkeitsrolle herausgeholt, die Rolle des Pfarrers, der Pfarrerin wird sich verändern im Verhältnis zu anderen Professionen, insbesondere auch zu Ehrenamtlichen und zu Verwaltungs- und Managementfunktionen – eine Herausforderung, aber auch eine Chance für eine Neubestimmung des PfarrerInnenbilds.

Ein Leitbild, das mir sehr gefällt, um die Potenziale dieses Konzepts kirchlicher Orte zu sehen, ist das von Gemeinde als Herberge am Wegesrand (Jan Hendriks): Gemeinde wird hier nicht als Sammlung der Glaubenden vor Ort gesehen, sondern als Herberge für Menschen, die vorbeikommen, die hereinkommen, die hier durchatmen, ausruhen können, die ihre Geschichte mit der Geschichte Gottes zusammen bringen, die sich bilden und diskutieren, die im Angesicht Gottes klagen und feiern – und die dann gestärkt und orientiert weiterziehen, vielleicht wieder einmal kommen oder bei einer anderen Herberge vorbeikommen. Manche Menschen bleiben nur kurz, manche kommen immer wieder, wieder andere arbeiten auf Zeit oder auf Dauer mit als Ehren- oder Hauptamtliche, nein: als Gastgeber in der Herberge, gestalten die Räume, bringen sich ein, sind in der Leitung der Herberge aktiv, kümmern sich um die Ökonomie und um die Inhalte, sehen diese Herberge als ihren Ort, ihre Heimat – und können es gleichzeitig gut aushalten, dass andere nur Gäste auf Zeit sind. Zuweilen kehren sich die Verhältnisse um: Die Gastgeber werden von den Gästen beschenkt, wer Gast und wer Gastgeber ist, verschwimmt, ist nicht mehr klar. Und immer wieder werden alle, Gastgeber und Gäste, von Gott besucht und beschenkt.
Dieses Bild von der Herberge gefällt mir, weil es kirchliche Orte nicht als Selbstzweck definiert, somit nicht bei der Bestandserhaltung stehen bleibt, sondern Gemeinden als wichtige Wegstationen und Impulsgeber in der Zivilgesellschaft versteht, weil es Verbindlichkeit und Freiheit in Balance hält – und weil die Wirtschaft, die Herberge, das Hospiz immer auch eine ökonomische Seite hat. Ich könnte mir vorstellen, dass es sowohl kirchliche Orte zu inspirieren vermag, die starke parochiale Wurzeln haben, als auch für kirchliche Orte wichtig sein kann, die aus überparochialen, funktionalen Diensten heraus entstehen.

Dr. Andreas Grabenstein,
Neuendettelsau