Ortsgemeinde und überparochiale Dienste
Perspektiven eines spannungsreichen Verhältnisses
Dr. Andreas Grabenstein
1. Alles Parochie oder was?
Die These, die ich im Folgenden von unterschiedlichen Richtungen her stärken möchte, heißt: Ortsgemeinden sind eine wesentliche Gestalt von Kirche, aber nicht die allein wesentliche Gestalt. Es gibt mehr als Ortsgemeinde und dies ist auch und gerade aus theologischer Perspektive gut so.
Ich möchte zum Einstieg erinnern an die bekannten vier Grundbestimmungen, vier Kriterien von „Gemeinde“, wobei ich sie gleich heuristisch nutzen möchte, als Hinweise und Suchanleitung, wo überall „Gemeinde“ gefunden werden kann in und jenseits der parochialen Dimension. Gemeinde ist überall dort...
- ...wo Menschen ihr Leben miteinander teilen, durch Höhen und Tiefen hindurch (koinonia),
- ...wo Menschen einander helfen und sich unterstützen, wo sie denjenigen Menschen Lebenschancen eröffnen, die strukturell oder aktuell weniger Lebenschancen haben, ein Engagement, das oft die Grenzen der Gemeinschaft überschreitet, das die Abgeblendeten in den Blick nehmen, das Gottes Option für die Vergessenen, zu Kurz gekommenen aufnimmt (diakonia),
- ...wo Menschen Gottes Geschichte und ihre eigenen Geschichten zusammenbringen, von den Spuren Gottes in ihrem Leben erzählen oder von daher ins Nachdenken kommen (martyria),
- ...wo Menschen Räume, Rhythmen und Rituale gestalten, um Gottes Gegenwart zu feiern und zu erinnern und um sich zu begegnen (leiturgia). Spannend finde ich hier die Übergänge von der Liturgie zu Gestaltfragen von Gemeinde, von der Gestalt des geistlichen Lebens zur Gestaltung des gemeindlichen Lebens, zum Bau-, Finanz- und Personalmanagement: Welche Regeln, welche Mittel und Strukturen braucht es, um Gemeinde zu sein? Hier klingt die Spannung zwischen Gottes Handeln zur Rechten und Gottes Handeln zur Linken an, die Spannung zwischen der Verkündigung und der rechtlichen oder ökonomischen Verfassung von Gemeinde.
Diese vier Kriterien markieren zentrale Dimensionen der Ortsgemeinde, aber eben nicht nur der Ortsgemeinde. Warum tut sich eine Kirche keinen Gefallen, sich auf die Lebensform der Ortsgemeinde zu beschränken, warum ist es wichtig, auch andere kirchliche Lebensformen von diesen Kriterien als Gemeinde zu beschreiben, als Gemeinde zu gestalten?
