Thema: Erinnerungskultur und Biografiearbeit
Annette Scheunpflug
Erinnern und die Kultur der Erinnerung
Kulturen der Erinnerung sind durch »Erinnern« gekennzeichnet. Deshalb soll im Folgenden zunächst das Erinnern näher charakterisiert werden, bevor vor diesem Hintergrund Bezug auf eine Erinnerungskultur genommen wird.
Die Arbeitsweise des Gehirns: Selbstbezogene Umorganisation
Für das Erinnern ist das Gehirn das zentrale Organ. Es ist die materielle Basis des menschlichen Geistes, des Denkvermögens und der Vorstellungskraft sowie der Körperkoordination. Das Gehirn koordiniert nicht nur kognitive Leistungen wie Integralrechnungen oder Vokabellernen, sondern auch Gefühle, Sehen sowie Bewegungsabläufe, das Atmen und jeden kleinsten Gedankensplitter. Alles dies sind Ergebnisse der Tätigkeit des Gehirns, genauer gesagt von kleineren und größeren Verbänden von Neuronen (Nervenzellen), von denen es über zirka einhundert Milliarden verfügt (die Zahlen schwanken je nach Forschergruppe).
Neuronen sind über Synapsen miteinander verbunden. Jedes Neuron hat bei Menschen zu bis zu zehntausend anderen Neuronen Kontakt. Diese Verbindungen werden über schwachen elektrischen Strom aktiviert oder nicht aktiviert; demnach digital aufgebaut. Die Art der Verknüpfung zwischen den Nervenzellen und des zeitlichen wie räumlichen Erregungsablaufs macht die eigentliche „Informationsverarbeitung“ aus. Die meisten Leistungen des Gehirns erfordern sowohl die gleichzeitige als auch die aufeinander folgende Aktivität vieler unterschiedlicher neuronaler Netzwerke; diese „parallel-verteilte Informationsverarbeitung“ begründet seine enorme Leistungsfähigkeit. Neuronen sind also dreidimensional miteinander verknüpft und dies in großem Umfang.
Das Gehirn hat keinen Zugang zur Außenwelt, sondern nur indirekte Verbindungen über Sinnesreize, die aber nach Maßgabe bereits bestehender Verknüpfungen im Gehirn wahr- oder nicht wahrgenommen werden. Die Vorstellung vom Nürnberger Trichter, man könne neues Wissen einfach in die Gehirne von Schülern einfüllen, hat endgültig ausgedient. Vielmehr verweist die Wirkweise des Gehirns auf den individuellen konstruktiven Anteil bei jeder Form des Lernens.
Lernen bedeutet, neuronale Verknüpfungen zu schaffen, zu vertiefen oder zu löschen. Was sind die Kriterien für den Aufbau neuronaler Verknüpfungen?
(1) Gefühle stellen eine sehr wichtige Bewertungsinstanz für Eindrücke dar. Sie sind von hoher Bedeutung für den Aufbau der neuronalen Netze und die nachfolgende Handlungssteuerung.
(2) Im Gehirn wird blitzschnell entschieden, ob ein Impuls aus der Umwelt an irgendeiner Stelle anschlussfähig ist. Die Anschlussfähigkeit kann im Einzelnen sehr unterschiedlich aussehen. Konvergenz und Divergenz zu bestehenden Mustern sind wichtige Aspekte, ebenso wie die konkrete Anknüpfungsmöglichkeit an bestehendes Wissen. Ohne Anschlussmöglich-keiten wird ein Impuls von Außen im Gehirn nicht aufgenommen, er rauscht einfach vorbei. Die Sinneswahrnehmungen von Außen werden in die elektrischen Reize des Gehirns umgewandelt und dann auf Anschlussfähigkeit überprüft. Dabei spielt die Art der Sinnesreizung keine Rolle: Das Gehirn wird nicht durch Sinnesreizungen zu neuen Verbindungen angeregt, sondern dadurch, dass Sinnesreize als Sinneseindrücke zugelassen und diese dann im Gehirn in neuronale Verbindungen umgesetzt werden, also eine Anschlussmöglichkeit an bereits bestehende Verbindungen finden. Deshalb ist es nicht die Kombination mehrerer Sinne, die als solche zu einem besseren Lernergebnis führt, sondern bei unterschiedlichen Herangehensweisen ergibt sich eine höhere Wahrscheinlichkeit, Anschlussfähigkeit zu finden.
(3) Das Gehirn verfügt vermutlich – dieser Theorieansatz ist allerdings nicht unumstritten (vgl. Barett u.a. 2002, S. 270ff.) – über verschiedene Module zur Bearbeitung und Erkennung unterschiedlicher Probleme. Welche das sind, von wie vielen solcher „Module“ man sprechen kann und wie diese im Einzelnen aussehen, ist umstritten. Offensichtlich ähnelt das Gehirn weniger einem Allzweckcomputer, der alle Probleme mit demselben Programm bearbeitet, sondern eher einem Schweizer Taschenmesser, das für unterschiedliche Probleme unterschiedliche Werkzeuge bereit hält, z.B. für den Spracherwerb (Pinker 1998), den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Häufigkeiten (Gigerenzer 2002), zu zählen (Dehaene 1999) oder für das Verständnis von sozialen Regeln (Cosmides/Tooby 1992). Unklar ist bisher, wie sich die einzelnen Aktivitäten im Gehirn koordinieren bzw. einzelne Module gegenseitig koordiniert werden. In der Hirnforschung wird dieses Problem als „Bindungsproblem“ diskutiert. Vieles spricht dafür, dass dieser Prozess dezentral abläuft (vgl. zu den einzelnen Modellen Singer 2002, S. 65-72).
(4) Sehr bedeutend scheint die Eigeninitiative des Organismus zu sein. Häufig werden Verbindungen nur dann induziert, wenn sie „Folge aktiver Interaktion mit der Umwelt sind, bei denen der junge Organismus die Initiative hat“ (Singer 2002, S. 50). Für viele Operationen sucht sich das Gehirn selbst die Informationen, die es braucht. Sowohl tätiges Handeln als auch Denken sind kognitiv gesteuerte Prozesse. Die Betonung der Eigentätigkeit und Eigeninitiative für das menschliche Lernen nobilitiert damit nicht die Bedeutung des praktischen Handelns vor dem Denken. Vielmehr ist gerade auch die denkerische Eigentätigkeit gemeint und in diesem Kontext gleichermaßen wie das tätige Handeln von Bedeutung.
(5) Neuronale Verbindungen bestehen umso sicherer, je öfter sie verwendet werden. Je häufiger eine Verbindung verwendet wird, umso automatisierter wird auch der mit ihr verbundene Impuls. Das Üben bestimmter Verbindungswege, z. B. im motorischen Bereich das Erlernen des Laufens oder eines Musikinstrumentes, ist nur über die Wiederholung möglich. Wer häufig Fahrrad fährt, wird dabei geschickter. Wer sein Musikinstrument häufig übt, wird eine Zunahme der Geläufigkeit spüren. Wer den Zehnerübergang oder das Einmaleins häufig übt, wird dieses besser können. Wer englische Vokabeln eifrig lernt, wird auch diese geläufiger verwenden können. Die Wiederholung ist damit ein wichtiges Kriterium für den Aufbau neuronaler Netze.
Zusammenfassend kann die Arbeitsweise des Gehirns stark vergröbert so beschrieben werden: Das Gehirn saugt nicht etwa wie ein Schwamm alle einströmenden Eindrücke auf, sondern arbeitet hoch selektiv nach der Maßgabe seiner eigenen Funktionalität.
Erinnern und Vergessen
Das Gehirn hat klar beschreibbare Bereiche, in denen sich zum Beispiel der Geruchssinn und oder die Steuerung von Muskeln befinden. Hier lassen sich die einzelnen Körperregionen quasi wie eine kleine Landkarte wieder finden. Allerdings arbeitet kein Gebiet autonom, sondern steht in permanenter Befragung - quasi wie ein Abgleich - mit anderen Teilen des Gehirns. Als Gedächtnis wird die Fähigkeit bezeichnet, sich etwas merken - behalten - zu können. Die Sprache suggeriert, dass hier Materie aufgebaut und irgendwo abgelegt wird. Wenn unser Gedächtnis so aufgebaut wäre, könnten wir uns viel zu wenig merken. Das Gedächtnis ist kein lokalisierbares Feld im Kopf, kein Eimer, in dem Memorierbares angehäuft wird. Die Fähigkeit, sich etwas merken zu können, wie Sprachen oder komplexe Bewegungsabläufe, ist im Gehirn nicht lokalisiert. Zwar gibt es ein Sprachzentrum mit der generellen Fähigkeit des Sprechenkönnens, nicht aber eine Lokalisierung einzelner Vokabeln. Es gibt auch keinen Ort, an dem ein Hund die Wiedererkennung des Geruchs seines Frauchens abspeichert. Vielmehr geht man davon aus, dass jede Erinnerung in komplexen Synapsenverbindungen verschiedener Neuronen abgelegt wird. Werden diese Verbindungen sehr oft von Aktionspotenzialen durchlaufen, werden sie in dem Sinne durchlässiger, dass die Verbindungen schneller werden und sich stabilisieren. Verbindungen, die nicht benutzt werden, sind nur mühsam wieder zu aktivieren oder verschwinden ganz. Gleichzeitig ist es auch möglich, dass Verbindungen aufgebaut werden, die andere hemmen. Vor diesem Hintergrund wird die bereits angesprochene Bedeutung des Übens leicht einsichtig: Verbindungen, die durch das Verstehen aufgebaut wurden, werden aktiviert.
Erinnern im Sinne von Wiederaufrufen des immer Gleichen gibt es nicht. Da Erinnern im Wiederaufnehmen einer bestandenen Verbindung besteht, werden Dinge nicht wieder aus dem Regal geholt, sondern immer wieder in neuen Kontexten aktiviert - und damit verändert. Jede Erinnerung verändert das Behaltene durch das Implizieren eines neuen Kontextes. Durch jedes Aufrufen werden Verbindungen zu weiteren Punkten gelegt und damit dieser Inhalt auch schneller abrufbar. Flüchtig gelernte Vokabeln kennt man deshalb nur, wenn sie in der Reihenfolge des Erlernens abgefragt werden, während sie nach längerer Übung, also nach häufigerem Aufrufen in unterschiedlichen Situationen, sicherer und schneller verfügbar werden.
Das Vergessen ist für die Aufrechterhaltung von Ordnung im Gehirn von großer Bedeutung. Die Einordnung in Sinnzusammenhänge bedeutet das Vergessen vieler anderer Dinge und stellt eine große Leistung des Gehirns dar. Diese Mechanismen sind noch nicht hinreichend erforscht. Menschen, die jede Wahrnehmung behalten und keine vergessen, haben große Schwierigkeiten im alltäglichen Lebensvollzug. Es kostet dann übermenschliche Anstrengung, alle Erinnerungen und Assoziationen zu einem Zusammenhang wegzudrängen und das Relevante jeweils auszuwählen. Ausreichender Schlaf stellt damit eine wichtige Grundlage des Lernens dar – im Hinblick auf Erinnern und Vergessen gleichermaßen. Um Lernen zu können und Gelerntes sinnvoll zu organisieren, ist ausreichend viel Schlaf notwendig.
Ebenen des Erinnerns
Es lassen sich verschiedene Ebenen des Erinnerns unterscheiden: Das Gegenwartsgedächtnis (oder auch Ultrakurzgedächtnis genannt), das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Erst das, was im Langzeitgedächtnis abgespeichert wurde, ist auch nach längerer Zeit noch abrufbar. Insofern ist es gerade für Lehrkräfte, die über Unterricht Inhalte dauerhaft verankern wollen, wichtig zu wissen, wie Inhalte in das Langzeitgedächtnis hineinkommen können.
Im Gegenwartsgedächtnis wirken Reize nach, nachdem die Reizquelle schon wieder verschwunden ist. Es reicht in seiner Speicherkapazität kaum über eine Sekunde hinaus. Im Gegensatz dazu speichert das Kurzzeitgedächtnis über eine deutlich längere Zeit - zirka 20 Sekunden, in manchen Fällen auch mehrere Minuten. Das, was im Volksmund als Gedächtnis bezeichnet wird, ist das Langzeitgedächtnis. Dessen Speicherdauer umfasst mehrere Stunden bis hin zum ganzen Leben. Seine Speicherkapazität ist unbekannt.
Zwischen dem Informationsgehalt, den die Sinne an das Gehirn leiten, dem Ultrakurzzeitgedächtnis, dem Kurzzeitgedächtnis und dem Langzeitgedächtnis findet eine große Selektion von Informationen statt: Sie werden gefiltert und nur wenige finden den Weg in das Langzeitgedächtnis. Die gewaltige Informationsmenge, die die Sinnesorgane an das Gehirn melden, wird überhaupt nur zu einem Bruchteil wahrgenommen. Aber auch das wenige, was aus dieser riesigen Informationsflut im Gehirn verarbeitet wird, wird immer weniger: Zum Kurzzeitgedächtnis beträgt die Differenz gegenüber dem Gegenwartsgedächtnis 1 : 30 und zum Langzeitgedächtnis 1 : 300. Der Informationsverlust ist immens - vor allem, wenn der Informationsverlust berücksichtigt wird, der zwischen den Sinnesorganen und dem Gehirn entsteht. Ein Bruchteil dessen, was im Unterricht geschieht, wird also überhaupt nur den Weg in das Langzeitgedächtnis finden.
Anregungen für das Nachdenken über Kulturen der Erinnerung
Geben diese wenigen Informationen schon Anregungen für eine Kultur der Erinnerung, sei es in der Versöhnungsarbeit, in Formen der Gedenkkultur oder
auch in der persönlichen Biographiearbeit als einer auf das Individuum bezo-genen Form der Erinnerungsarbeit? Die folgenden wenigen Anstöße mögen eine Anregung für das Nachdenken über unterschiedliche Kulturen der Erinnerung darstellen.
- Erinnern und Vergessen sind untrennbar aufeinander bezogen: Wer erinnert, wird strukturell anderes vergessen. Vergessen ist für die Schaffung bzw. Aufrechterhaltung von Ordnung von größter Bedeutung, nur dadurch entsteht Sinn. Welche Aspekte werden also durch die Erinnerungsarbeit vergessen, ja sollen vielleicht sogar vergessen werden?
- Erinnern bedeutet Umstrukturierung: Jede Erinnerung verändert durch die neue Situierung im Moment des Erinnerns das zuvor Erlebte. Welches Wissen wird neu strukturiert? Sollten manche Erinnerungen vielleicht auch vor Umstrukturierung bewahrt werden?
- Erinnern erfolgt selbstreferentiell: Gehirne »entscheiden« autopoietisch in einer bestimmten Umwelt über Prozesse des Erinnerns und Vergessens. Nach welchen Kriterien erfolgt das jeweils individuelle Erinnern?
- Es gibt kein kontextfreies Erinnern: Jedes Erinnern stellt eine Neu-Kontextualisierung dar. Was sind die neuen Kontexte für Gedenken oder die Biografiearbeit?
- Erinnern bedeutet Wiederholung: Erinnern ist der Wiederholung aus unterschiedlichen Perspektiven verwandt. Jede Form der Erinnerung stellt auch eine Form der Wiederholung dar. Was ist dann das jeweils Gleiche?
- Erinnern ist individuell: Jeder Reiz wird im Gehirn auf individuell unter-schiedliche Weise verarbeitet; denn Gehirne sind selbstreferentiell
geschlossene Systeme. Sie arbeiten nach strengen Regeln, die nicht durchbrochen werden können, aber in jedem entsteht ein anderes Muster. Wie können mögliche durch Gedenkarbeit entstehende individuelle Muster aussehen?
- Erinnern verbraucht Energie: Jede Form der Tätigkeit des Gehirns verbraucht Energie. Ist genug Energie für Gedenkarbeit gegeben? Was kann Energie spenden?
Anmerkung
Der Text geht in Teilen auf Scheunpflug 2001, S. 74ff. zurück.
Literatur
Barett, L. / Dunbar, R. / Lycett, J.: Human Evolutionary Psychology. Princeton: Princeton University Press 2002.
Cosmides, L. / Tooby, J. E.: Cognitive Adaption for Social Exchange.
In: Barkow, J. H. / Cosmides, L. / Tooby, J. E. (Hg.): The Adapted Mind. Evolutionary Psychology and the Generation of Culture. New York/Oxford: Oxford University Press 1992, S. 163-228.
Dehaene, S.: Der Zahlensinn, oder Warum wir rechnen können.
Basel/Berlin: Birkhäuser 1999.
Gigerenzer, G.: Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Berlin: Berlin Verlag 2002.
Pinker, S.: Wie das Denken im Kopf entsteht. München: Kindler 1998.
Scheunpflug, A. (2001a): Biologische Grundlagen des Lernens, Berlin: Cornelsen Scriptor 2001.
Scheunpflug, A. (2004): Lernen als biologische Notwendigkeit. Schulkindheit aus der Sicht von naturwissenschaftlicher Anthropologie und evolutionärer Pädagogik. In: Duncker, L. / Scheunpflug, A. / Schultheis, K: Schulkindheit. Zur Anthropologie des Lernens im Schulalter. Stuttgart: Kohlhammer 2004.
Singer, W.: Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2002.
Prof. Dr. Annette Scheunpflug hat den Lehrstuhl für Pädagogik I am Department Pädagogik der Universität Erlangen-Nürnberg inne.
Hans Jürgen Luibl
Erinnerungskultur 2009
Gedenken zwischen Politik und Religion
Erinnerung boomt. Man kultiviert Erinnerungen, pflegt Erinnerungskulturen, erforscht kollektive Gedächtnisse. Die Gesellschaft gedenkt Friedrich Schillers 250. Geburtstag am 10. November 2009, den 250. Todestag von Georg Friedrich Händel am 14. April 2009. Am 19. Dezember wird der Fußballverein Borussia Dortmund 100 Jahre jung, am 7. November ist der Erinnerungstag der Oktoberrevolution, am 8. November der Weltputzfrauentag. Für jeden Tag im Jahr hat die bürgerliche Gesellschaft ein ziviles Gedenken und sogar einen Gedenkheiligen. Damit hat die Zivilgesellschaft den katholischen Heiligenkalender beerbt und gedenkt nun mit quasi-religiöser, bildungsbürgerlicher Inbrunst. Aber auch die evangelischen Kirchen sind nicht frei vom Gedenkvirus. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern feiert ihren 200. Geburtstag (in Franken etwas widerwilliger als in Oberbayern). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gedenkt sogar schon im Voraus: Am 31. Oktober 2017 jährt sich der Thesenanschlag Luthers zum 500. Mal - die Gedächtnismaschinerie zum halbtausendjährigen Geburtstag der Evangelischen läuft schon jetzt auf Hochtouren. 500 Bäumchen sind in Wittenberg bereits gepflanzt worden. Welche Früchte sie bringen, weiß derzeit niemand.
Erinnerung also allenthalben, Erinnerungslust, Erinnerungsmut, Erinnerungswut. Wann hat dies begonnen? Vielleicht als der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt die Utopie in die Therapie verwies und Zukunft damit verabschiedete? Oder danach, als mit Helmut Kohl die Historie und die Häuser der Geschichte helfen sollten, ein in Auflösung begriffenes Gemeinwesen zu stabilisieren? Vielleicht ist die Moderne auch nur in die Jahre gekommen und im Zustand der Postmoderne ins Rentenalter geraten - und denkt nun daran, wie es früher war. Dies wäre auch gut mit soziologischen Daten zu verknüpfen: Die europäische Gesellschaft droht zu überaltern und beugt der kollektiven Demenz durch Erinnerungsjogging vor.
Vieles spricht dafür. 2009 wird im politischen Bereich ein Erinnerungsjahr der besonderen Art sein. Deutschland geht hier voran: Wir erinnern uns an 70 Jahre Kriegsausbruch, 60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre Mauerfall. Der Mauerfall ist ein deutsch-deutsches Ereignis. Der Fall des Eisernen Vorhangs, der 1989 mit den Ereignissen an der österreichisch-ungarischen Grenze in Sopron mit dem Zerschneiden des Stacheldrahts so sinnfällig begonnen hat, ist ein Meilenstein der europäischen Integration. Erinnert und gefeiert, gewürdigt und gewertet wird die „Wende“ – wenn der Begriff am Anfang auch anders gemeint war. Der Begriff Wende wurde von Egon Krenz am 18. Oktober 1989 geprägt, als er nach seiner Wahl zum Nachfolger von Erich Honecker als Generalsekretär des Zentralkomites der SED in seiner Antrittsrede sagte: „Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.“ Es kam anders. Wie Geschichte eben stets anders verläuft, als Menschen es sich so ausdenken. Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Wie auch immer. Die Wende ist zu einem gesamteuropäischen Ereignis, zu einem europäischen „Erinnerungsort“ geworden. Diesen Begriff hat der französische Historiker Pierre Nora für Frankreich entwickelt: „Mein Vorhaben bestand in einer in die Tiefe gehenden Analyse der Orte, an denen sich das Gedächtnis der Nation Frankreich im besonderen Maße abzeichnet, kristallisiert oder verkörpert.“
Vergleichbar ist dies einem Netz von materiellen und immateriellen Erinnerungsfäden, das das nationale Bewusstsein zusammenhält. Mittlerweile gibt es ähnliche Studien für Italien, die Niederlande, Dänemark, Österreich, Luxemburg und – auch hier die verspätete Nation – für Deutschland. Etienne Francois und Hagen Schulze haben einen interessanten Reigen von deutschen Erinnerungsorten entwickelt, von der Reformation über das Bürgerliche Gesetzbuch, vom Motto „Wir sind das Volk!“ bis zur Bundesliga.
Die „Wende“ als europäischer Erinnerungsort - zunächst ist das zu begrüßen und zu feiern, natürlich auch gottesdienstlich. Die Integration Europas ist vorangekommen, der Zaun ist abgebrochen – biblisch-christologische Hoffnung und reale Geschichte gehen hier bildlich ineinander über. Aber auch alte Gefahren und neue Aufgaben sind mit der Erinnerung verbunden. Dem muss die ganze Aufmerksamkeit der evangelischen Bildungsarbeit gehören.
Erinnerung ist nach evangelischem Verständnis nie archivierend oder legitimatorisch. Man soll die Toten ihre Toten begraben lassen und die nachkommenden Generationen nicht auf den Friedhof der Erinnerungen zwingen. Vielmehr geht es darum, die Hoffnungspotentiale der Vergangenheit für die Zukunft zu entdecken und mutig zu entwickeln. In dieser Perspektive haben in erster Linie die Opfer der Geschichte ihren Platz. Diesen Platz räumt ihnen nicht ein moralisierendes Geschichtsdenken ein, sondern nüchterne historische Kritik, die Schuld beim Namen nennt, ohne sie aufheben zu können, und Verklärungen der verdeckten Erinnerungspolitik durchschauen lässt. Die Gefahr etwa, dass die positive Wende die negativen Erfahrungen von Auschwitz verdrängt, ist gegeben. Zukunftsperspektiven ohne Arbeit an der Vergangenheit aber kann es nicht geben. Entscheidend für evangelische Erinnerungskultur ist jedoch, dass hier allen Versuchen und Versuchungen, der Geschichte einen höheren Sinn abzugewinnen, sie in einem Heilsplan Gottes zu inszenieren, zu widerstehen ist. Hilfreich kann hier die Erkenntnis sein, dass an die politische Wende, als sie einsetzte, niemand ernsthaft geglaubt hat, schon gar nicht die damaligen Kirchenleitungen in Ost und West. Eben: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Das ist der Erinnerungskern in aller Erinnerungskultur, gerade 2009.
Pfarrer Dr. Hans Jürgen Luibl ist Leiter von bildung evangelisch Erlangen und Vorsitzender der AEEB.
Sabine Sautter
Den roten Faden im Leben finden
Biografiearbeit im Kontext kirchlicher Arbeit
Biografiearbeit ist angeleitetes Erinnern. Sie gibt methodische und thematische Anregungen, schafft Anlässe zum Erinnern und sorgt für eine achtsame Atmosphäre.
Biografiearbeit hat zum Ziel, eine Deutungskompetenz für das eigene Leben zu entwickeln. Im Erinnern gilt es, den eigenen Lebensweg zu verstehen, vielleicht neu zu bewerten und in größere Zusammenhänge einzuordnen.
Biografiearbeit richtet sich aus auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Natürlich ist Erinnerung Rückblick und wird oft zur Lebensbilanz, besonders im Alter. Aber das Bewusstmachen des eigenen Weges bewirkt nicht selten ein gestärktes Selbst-Bewusstsein, eine Bewusstheit heute persönlich bedeutsamer Werte und Ziele.
Wer seine Geschichte reflektiert und Bewältigtes „gut sein“ lassen kann, wird sich bewusster, wohin ihn seine Sehnsucht zieht, was ihm fehlt, um ganz und „heil“ zu werden, und was in Zukunft wichtig ist. Und wer sich in seiner Geschichte gut verwurzelt weiß, wird mit mehr Vertrauen Schritte ins Offene tun, weil er nicht befürchten muss, sich zu verlieren.
Wer sich mit seiner Geschichte auseinandersetzt, arbeitet daran, den „roten Faden“ im eigenen Leben zu finden. Und gelungene Biografiearbeit ist Identitätsarbeit. Es entstehen Prozesse der seelischen Beheimatung – in der eigenen, einzigartigen Person mit ihrer Geschichte, aber auch in der Zugehörigkeit zu sozialen Umfeldern, zur Herkunftsfamilie, zu einer Generation und ihrer Verbindung mit politischer und Zeitgeschichte, zu einer Landschaft, einer Kultur und schließlich zu einem Glauben.
Die Konstruktion unserer Identität geschieht im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch jedes Menschen, etwas Besonderes, Einzigartiges zu sein, und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Dementsprechend speisen sich die Themen von Biografiearbeit aus den Bereichen individuelle Geschichte, soziale Beziehungen, Teilhabe an Umfeld, Gesellschaft, Kultur- und Zeitgeschichte sowie Religiosität und Sinnfragen.
Handlungsfelder von Biografiearbeit finden sich in der Einzelarbeit von Seelsorge bis Hospizarbeit, in Senioren-, Frauengruppen. Sie finden sich in öffentlichen Veranstaltungen wie Erzählcafés und anderen Zeitzeugenprojekten zum Beispiel in Schulen sowie bei der Gestaltung von Gottesdiensten. Im Folgenden werden die Themenfelder näher beleuchtet und auf allen Ebenen hinsichtlich ihrer Funktion für die Erzählenden und für die Empfänger der Geschichten befragt.
„Beim Erzählen erfinden wir uns selbst“
Erinnerungsarbeit als individueller, identitätsbildender Prozess
Jede Lebensgeschichte hat ihre Besonderheiten, die den einzelnen Menschen in seiner Individualität sichtbar werden lassen. Welche Anfänge, welche Wendepunkte gab es in diesem Leben? Was hat diesen Menschen besonders geprägt, was waren entscheidende Entwicklungsschritte, welche Befreiungserfahrungen gab es? Gelungene Biografiearbeit führt mit der Zeit dazu, dass Menschen ihr Leben als Ganzes wahrnehmen und Sinnspuren darin entdecken.
Biografiearbeit versteht sich in erster Linie als Ressourcenarbeit. Daher wird man als Fragender immer auf sich öffnende Themen und Bewältigungsgeschichten focussieren. Nicht selten bekommen Menschen erst dadurch, dass sie einem aufmerksamen Gegenüber ihre Geschichte erzählen, einen Blick für das, was sie geschaffen, welchen Fähigkeiten sie im Lauf ihres Lebens entwickelt haben und wo sie beschenkt wurden.
Aber es gibt auch Schmerzgeschichten. Wir fragen nicht nach ihnen, aber wenn sie erzählt werden, müssen sie willkommen und aufgehoben sein. Dabei gilt allerdings das Prinzip: Der Teilnehmer bestimmt die Tiefe. Wer erzählt, entscheidet, wie weit er geht. Es wird gespiegelt, mitgefühlt, Raum gegeben, aber nicht weiter in die Tiefe gefragt. Diese Haltung unterscheidet Biografiearbeit von therapeutischer Arbeit.
Nicht selten führt das „sich ausklagen“ dazu, dass eine schmerzhafte Geschichte abgeschlossen werden kann. Manche noch immer offene Geschichten wurden nie verarbeitet und werden immer wieder erzählt. Mit abgeschlossenen Geschichten hat sich der Erzählende versöhnt, er kann sie als Teil der eigenen Geschichte akzeptieren.
Zum Abschluss kommen Geschichten manchmal, indem Erlebtes nicht nur erzählt, sondern auch vom heutigen Standpunkt aus reflektiert wird, indem das Gegenüber mitfühlt, Gefühle spiegelt, versteht, nachfragt, indem vielleicht deutlich wird, was damals hilfreich gewesen wäre. Schließlich kann „die Erinnerung befriedet werden“ (Verena Kast). „Es gibt rückwirkend kein anderes Leben als das, was wir gelebt haben, aber wir können es mit liebevolleren Augen betrachten.“ (Kast).
Solche Prozesse der Verarbeitung und Neubewertung führen schließlich dazu, dass beim nächsten Mal dieselbe Geschichte vielleicht anders erzählt wird, weil sich innere Haltung und Gefühle dazu verändert haben. Erinnerung ist ein Prozess, sie unterliegt ständiger Wandlung.
In biografischen Gruppen wird aber auch viel gelacht, werden erlebte Glücksmomente und Entwicklungsschritte mitgeteilt. Die kleinen Hände und der zarte Duft des ersten Kindes, der Führerschein mit Mitte Vierzig und die neu entstandene Unabhängigkeit, das spirituelle Erleben einer Gletscherbegehung bei Sonnenaufgang – solche Erinnerungen kann uns niemand nehmen. Es sind Ressourcenerfahrungen und innere Kraftquellen, die es auch in schwierigen Biografien gibt. Auf sie kann man in schweren Zeiten zurückgreifen, auch wenn zum Beispiel durch Krankheit solche Dinge nicht mehr erlebt werden können.
Biografiearbeit kann also Versöhnungsarbeit sein – mit dem, was war und mit dem, was nicht war. Und sie kann Menschen stärken, indem Ressourcenerfahrungen bewusst gemacht werden. Sie wirkt identitätsstärkend und hilft, sich im eigenen Leben zu beheimaten.
„Erinnerung ist eine Form der Begegnung“ (Khalil Gibran)
Lebensgeschichte und soziale Beziehungen
Biografiearbeit ist nicht ohne sozialen Kontext denkbar. Erzählen braucht ein Gegenüber, sei das eine Gruppe oder ein einzelner Mensch. Das Zuhören, Mitfühlen, Nachfragen vermittelt demjenigen, der sich erinnert, ein Bewusstsein vom Wert der eigenen Person und ihrer Geschichte.
Und häufig nehmen wir Menschen anders wahr, wenn sie von sich erzählen. Die verschlossene alte Dame, die von ihren ersten Gehversuchen in den Stöckelschuhen der Mutter erzählt, vom Rosen züchtenden Großvater und von ihrer Flucht in den 50er Jahren, wird für uns zu einem anderen Menschen. Eine Altenpflegerin drückte es so aus: Eine „alte Frau“ wurde zu einer „Frau, die jetzt gerade alt ist“ (Eva Blimlinger).
Geschichten von persönlichen Beziehungen sind integraler Bestandteil von Biografiearbeit. In jeder Lebensgeschichte gibt es Ressourcen-personen. Das sind Menschen, die uns mit liebevollen Augen sahen und die uns auf unserem Weg unterstützt haben. Oder Menschen, die uns beeindruckt haben, die etwas in uns berührt haben, die uns Werte vermittelt haben.
Da ist die Geschichten erzählende Großmutter, da ist der Theologe, der im Krieg in der abgedunkelten Kirche vom Weg des Glaubens sprach, und da ist die Nachbarin, die mit großer Hingabe in die Geheimnisse des Gärtnerns einführte. Auch wenn diese Personen nicht mehr in unserem Leben sind, wir können uns an sie erinnern und uns bewusst machen, was sie uns mitgegeben haben und was wir davon weiter geben wollen.
Besondere Bedeutung kommt der Herkunftsfamilie zu. Seine Familie kann sich niemand aussuchen, aber sie ist fast immer Ort erster, prägender Beziehungen. Sie vermittelt Werte, und natürlich gibt es dort auch eine Vielzahl verletzender Erfahrungen.
Viele Menschen fühlen sich einem Familienzweig besonders zugehörig. Häufig gehören diesem Familienzweig wichtige Präge- und Ressourcenpersonen an und es ist auffällig, wie viele Menschen von Großvater oder Großmutter als prägender Bezugsperson erzählen. Wenn alte Menschen Geschichten aufschreiben, tun sie das häufig auch, um ein Stück Familiengeschichte zu bewahren und an künftige Generationen weiter zu geben.
Denn Familien sind Erinnerungskollektive. Haben sie eine spezifische, lebendige Erinnerungskultur, trägt diese bei zur familiären Identität. Sie ist eine Ressource, die ihren gegenwärtigen und ihren künftigen Mitgliedern zur Verfügung steht.
Erinnerungen an stärkende Beziehungserfahrungen können zu wesentlichen Kraftquellen werden und eigene Werte bewusst machen, genauso wie die Erfahrung der Zugehörigkeit zu sozialen Netzen mit einer eigenen Erinnerungskultur.
„Er ist ein Kind seiner Zeit …“
Biografiearbeit im Spiegel von Umfeld, Kultur- und Zeitgeschichte
Wir alle sind durch unser Umfeld geprägt. Der Mann aus einem nordfriesischen Dorf, der „über die Kante kucken muss“, hat andere Prägungen erfahren als die alte Dame aus einer Schwabinger Großbügerfamilie. Solche Prägungen geschehen durch Landschaften, Dörfer und Städte, Räume und vieles mehr.
Rock’n Roll und Pettycoat, die ersten Kino-Paläste sind kollektive Kultur-erfahrungen. Natürlich gibt es in jeder Zeit unterschiedliche Erinnerungskollektive. Die 50er Jahre wurden zum Beispiel in der Stadt anders erlebt als auf dem Land, unter Fabrikarbeitern anders als unter Studenten.
Dennoch sollte die prägende Kraft von Kulturerlebnissen nicht unterschätzt werden. Bücher, Musik und Filme sind immer auch Ausdruck von Zeitgeist und waren maßgeblich beteiligt an der Wertesozialisation ganzer Alterskohorten. Nicht jede oder jeder hat dasselbe erlebt, aber es gibt ein kollektives Lebensgefühl aus einer bestimmten Zeit, das viele teilen.
Es gibt kollektive Erfahrungen bestimmter Altersgruppen, die eng verknüpft sind mit Zeitgeschichte. Als eine Zeitzeugin offen und ehrlich von dem Fremden erzählte, der da Anfang der 50er Jahre plötzlich zuhause wohnte und den sie „Papa“ nennen musste, begriffen auch andere, dass nicht nur sie einen aus dem Krieg heimgekehrten Vater hatten, der sich zuhause und in seinem Leben nicht mehr zurecht fand und ihnen im besten Fall nur fremd blieb.
Viele dieser Kinder konnten nie über ihre Gefühle sprechen, weil sie sich schuldig fühlten. Es kann heute noch erleichternd sein, diese Empfindungen auszusprechen und wahrzunehmen, dass es vielen Kindern so erging. Und dass diese Erfahrungen in einen geschichtlichen Kontext einzuordnen sind.
Die Wertesozialisation, die Menschen in ihrer Jugend und im jungen Erwachsenenalter erfahren, ist immer auch abhängig von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Wer 1968 jung war, hat – unabhängig von politischen Überzeugungen – eine andere Wertesozialisation erfahren als zum Beispiel die Generation, die im Nationalsozialismus in zutiefst hierarchischen Strukturen aufwuchs.
68er-Revolution, Frauen-, Bürgerinitiativ- und Friedensbewegung haben dazu geführt, dass Werte wie Autonomie und Selbstgestaltung wichtig wurden. Während die Frontgeneration (geboren 1920 bis 1929) mit Werten wie Anpassung und Bescheidenheit aufwuchs und Lebenswege eher als vorgegeben galten, war es für die heute 60-Jährigen viel eher erstrebenswert, sich einzumischen und Visionen für eine bessere Gesellschaft zu entwickeln (vgl. Sylvia Kade). Diese Wertesozialisation prägt die Art und Weise, wie Biografien heute erzählt werden.
Über Biografiearbeit erfahren Menschen Zugehörigkeit zu bestimmten Alterskohorten und ihrer Wertesozialisation. Aber sie erfahren sich auch als Kinder ihrer Zeit. Das hilft, das Leben einzuordnen in einen größeren Kontext. Und manchmal stellt sich die Frage: Was war gegeben in dieser Zeit und wo war meine persönliche Verantwortlichkeit?
„Wenn ein alter Mensch stirbt, verbrennt eine Bibliothek“ (afrikanisches Sprichwort)
Gesellschaft und Erinnerungskultur
Zeitgeschichtliche Themen spielen eine bedeutende Rolle in der Biografiearbeit. Beim Anleiten sind historische Grundkenntnisse hilfreich. Wichtig ist dabei die Zielsetzung. Geht es darum, sich in einem größeren zeitgeschichtlichen Kontext zu verorten und kollektive Erfahrungen wahrzunehmen? Wollen alte Menschen Erinnerungen für ihre Familie dokumentieren? Oder soll Geschichtswissen Dritten zur Verfügung gestellt werden? Hier kommen die Adressaten von Geschichten in den Blick: Biografiearbeit hat nicht nur Funktion und Wirkung für die Erzählenden selbst, sondern auch für Einzelne, Familien, Gruppen, Gemeinden oder die allgemeine Öffentlichkeit, denen Geschichten mitgeteilt werden.
Dementsprechend unterscheiden wir Biografiearbeit mit zeitgeschichtlichen Themen und Zeitzeugenarbeit. Bei der letzten kommt eine gewisse Öffentlichkeit, ein Publikum in den Blick. Ziel ist die Vermittlung historischen Wissens mit der subjektiven Erlebnisperspektive einzelner, zum Beispiel an Schulklassen, StudentInnen, junge MigrantInnen und andere.
Zeitzeugen vermitteln natürlich nicht „objektive Geschichte“ – falls es die
überhaupt gibt. Dafür ist Erinnerung viel zu sehr ein Verarbeitungs- und Deutungsprozess. Und trotzdem bringen uns gerade subjektive Erzählungen Geschichte näher. Es ist wichtig zu wissen, wie viele Menschen mit Flüchtlingstrecks von welchen Orten wohin unterwegs waren. Aber ebenso wichtig ist es zu wissen, woran sich eine alte Dame erinnert, die als junge Frau mit einem neugeborenen Kind mit einem dieser Trecks unterwegs war.
Unsere Gesellschaft braucht eine lebendige Erinnerungskultur, um kollektive Geschichte im öffentlichen Bewusstsein zu halten. Geschichtsbücher lehren uns die Geschichte unseres Landes. Die Erzählungen alter Menschen lehren uns zu verstehen, was diese Geschichte für Einzelne bedeutet hat.
„Und gedenke des ganzen Weges, den dich der HERR,
dein Gott, geleitet hat …“ (Dtn 8,2)
Religiosität, Spiritualität und Sinnfindung in der Biografiearbeit
Fast jeder Mensch hat eine Geschichte mit der Religion, die zu seiner Kultur gehört, egal ob er heute tief in ihr verwurzelt ist oder ob ihn sein Weg zum Atheismus geführt hat. Man kann wesentliche Schritte vom Kinder- zum Erwachsenenglauben beleuchten, aber auch einschneidende Erfahrungen, die Grund für ein kritisches Verhältnis zu Kirche oder Glauben waren.
Spirituelle Erfahrungen sind oft tief greifende und tragende Erlebnisse. Sie können im religiösen Kontext gemacht werden, aber auch in der Natur, in menschlichen Begegnungen oder in der Kunst. Menschen, die sich als areligiös im kirchlichen Sinn bezeichnen, berichten oft von berührenden Naturerfahrungen, von Erlebnissen von großer Hingabe oder von tiefen Erkenntnisprozessen, die über alles Greifbare hinausweisen.
Die sinnhafte Dimension von Biografiearbeit erschließt sich aber nicht nur über explizit religiöse oder spirituelle Themen. Über Erinnern und Erzählen beginnen Menschen nicht selten, den „roten Faden“ im eigenen Leben zu ahnen. Es gelingt ihnen, sich einzuordnen in ein größeres Ganzes. „Die Erzählung macht aus den treibenden Bruchstücken des Lebens einen Strom aus Zeit und Sinn“ (Fulbert Steffensky).
In der Rückschau und im Spiegel eines achtsamen Gegenübers gelingt es oft, eigene Früchte zu erkennen und dankbar zu sein für die Geschenke des Lebens. Und in vertraulichen biografischen Gesprächen geht es manchmal auch darum, sich mit Niederlagen, Verlusten und erlittenem Unrecht zu versöhnen – und mit eigener Schuld.
Es geht auch darum anzuerkennen, dass manches nicht wieder gut zu machen ist, zumindest nicht durch uns selbst. Und dass es auch nicht wir selbst sind, die das Urteil über uns zu fällen haben.
Sören Kierkegaard wird der Satz zugeschrieben: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“. Aus der rückschauenden Deutung kann ein Sinnfindungsprozess werden, zum Beispiel wenn deutlich wird, dass auch schwierige Lebensphasen zu Wachstum und Veränderung geführt haben oder dass sich gerade hier Lebensaufgaben zeigen.
Die religiöse Dimension kommt also auf zweierlei Weise in den Blick: als persönliche Geschichte mit Religion und Spiritualität und als Sinnfindungsprozess, der daraus erwächst, dass das Leben in ein größeres Ganzes eingeordnet wird.
Schlussbemerkung
Kann man denn nun all das erreichen, die beschriebenen Prozesse von Identitätsbildung und Sinnfindung, von Erinnerungskultur und Arbeit an familiären Identitäten, wenn man Biografiearbeit nur nebenbei und ergänzend einsetzt? All das passiert schließlich nicht in einer Stunde, in der eine Gruppe Biografiearbeit ausprobiert. Es sind Prozesse, die erfahrbar sind mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich mit einer gewissen Kontinuität oder für eine bestimmte Zeit einlassen auf das Abenteuer, das Erinnerung heißt.
Sicher ist es schön, einfach „von früher zu erzählen“. Sich zu erinnern und Geschichten von anderen zu erfahren. Lust- und Leidvolles mitzuteilen und mit anderen zu teilen. Wesentlich ist zu wissen, was möglich ist und für Prozesse sensibel zu sein, die geschehen, ohne dass sie explizit werden. Damit derjenige, der Biografiearbeit anleitet, sich über Sinn und Zweck seiner Arbeit im Klaren sein kann.
Literatur
Blimlinger, E. / Ertl A. / Koch-Straube, U. / Wappelshammer, U.: Lebensgeschichten. Biografiearbeit mit alten Menschen. Hannover: Vincentz-Verlag 1996.
Klingenberger, Hubert: Lebensmutig. Vergangenes erinnern, Gegenwärtiges entdecken, Künftiges entwerfen. München: DBV 2003.
Kade, Sylvia: Altersbildung: Lebenssituation und Lernbedarf. Bielefeld:
W. Bertelsmann-Verlag 1994.
Kast, Verena: Wurzeln und Flügel. Zur Psychologie von Erinnerung und Sehnsucht. In: Neuen, Christiane (Hg.): Sehnsucht und Erinnerung. Leitmotive zu neuen Lebenswelten. Düsseldorf: Patmos 2006, S. 9-29.
Sautter, Sabine (Hg.): Leben erinnern. Biografiearbeit mit Älteren.
Neu-Ulm: AG SPAK-Verlag 2004.
Steffensky, Fulbert: Schwarzbrot-Spiritualität. Stuttgart: Radius-Verlag 2005.
Hinweis
Dieser Artikel erschien auch in: evangelische aspekte 3/2008 (Thema: Biografien), S. 8-12. Die Redaktion des Mitteilungsblattes dankt für die freundliche Abdruckgenehmigung.
Sabine Sautter, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), ist Bildungsreferentin beim Evangelischen Bildungswerk München.
Jens Colditz
Biblische Nachlese zur Erinnerungskultur
Sieben Gedanken aufgegriffen
Ein großes Erinnerungsbuch
Vom ersten bis zum ihrem letzten Kapitel spannt sich der Bogen. Woher der Mensch kommt, woher er sich definiert, davon erzählt die Bibel ganz am Anfang, in einer Schöpfungsgeschichte. Und sie spricht von seiner Zukunft. Von Vollendung des Vorläufigen, des Begrenzten. Am Ende, in ihrem letzten Buch.
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Dieser erste Satz der Bibel begleitet das Leben der Welt und des Menschen. Immer und immer wieder neu. Er liegt in jedem neuen Leben, in jedem Einatmen, Aufblühen, in jedem Aufbruch, in jedem neuen Gedanken, in jeder Hoffnung. Dieser erste biblische Satz ist Erinnerung an den Grund, der das ständige Werden von Welt und Leben trägt.
Was ist das Ziel? Es wird aufgriffen in der Bitte: „Amen, ja, komm, Herr Jesus!“ Ganz am Schluss der Bibel. In dieser Bitte schwingt die Verheißung mit, dass die Sache Gottes zum Ziel, die Schöpfung zur Vollendung kommt. In dieser Bitte bricht eine Hoffnung durch, die die Überwindung des Todes und das neue Leben in Jesus Christus erinnert.
Diese Spannung zwischen Woher und Wohin zieht sich durch die einzelnen biblischen Schriften hindurch.
Eine Erinnerungsgeschichte
Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine Erinnerungsgeschichte. Dabei zeigt sich biblische Erinnerungskultur nicht als Nostalgie, sondern im Bewusstwerden einer neuen Freiheit. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Schriften des Alten und Neuen Testaments. Die Heilstaten Gottes setzen sich im Gedächtnis der Menschen fest. So entsteht eine Erinnerungsgemeinschaft, die mit Gott auf dem Weg durch die Zeit ist. Bei allem Vergessen, bei aller Gleichgültigkeit: „Sie vergaßen seine Taten und seine Wunder, die er ihnen erwiesen hatte.“ (Psalm 78, 11). Über das menschliche Vergessen hinweg bleibt Gottes Zusage: „Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht.“ (Psalm 44, 21).
„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Eine jüdische Weisheit. Sie erinnert daran, dass der Glaube an Gott ein Glaube an sein Wirken in der Geschichte ist. In der Erinnerung liegt Versöhnung. Und Versöhnung schenkt einen neuen Anfang, eröffnet Zukunft.
Gott erinnert den Menschen
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43, 1). Hinter jedem persönlichen Namen steht eine Biografie. Ein ganz eigenes, individuelles Leben. Unvergessen bei Gott.
Der Mensch erinnert Gott
„Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“ (Psalm 13, 2) Menschliche Klage, adressiert an Gott. In der Klage schwingt eine Erinnerung mit. Sie ist Vergewisserung, dass Gott seine Treue gegenüber dem Menschen zugesagt hat.
Gott erinnert sich des Menschen
„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn …“ (Galater 4, 4). Mit Jesus erinnert sich Gott des Menschen. Zeigt ein menschliches Antlitz. Entäußert sich in menschlicher Gestalt. So erinnert sich Gott des Menschen in Jesus Christus. Und der Mensch? Er erinnert Gott in Christus. „Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat.“ (Johannes 12, 45). So sagt Jesus von sich.
„Tut dies zu meinem Gedächtnis“
Jesus hat sich gegenwärtig gesetzt in den zentralen Symbolen des jüdischen Mahles. Zu seinen Jüngern sagte er: Ich bin für euch gegenwärtig als Brot. Ich bin für euch gegenwärtig als Wein. Und er sagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Das Feiern des Abendmahles ist Erinnern und es ist mehr als das. Es überbrückt den zeitlichen Abstand zwischen dem Geschehen damals und dem Hier und Jetzt. Das Vergangene wird lebendige Gegenwart und bricht in eine persönliche Biografie herein.
„Meine Zeit steht in deinen Händen“
Dieses Psalmwort (Psalm 31, 16) sagt es, wie es ist. Gegen die Zeit ist nichts zu erzwingen. Sie dreht sich nicht um den Menschen. Und doch macht der Mensch die Erfahrung: Von der unverfügbar erscheinenden Zeit wird ihm etwas zur Verfügung gestellt. Gleich einem Geschenk. Besonders zu spüren beim spielerischen und zweckfreien Auskosten von Zeit. Eine menschliche Biografie läuft in der Zeit, mit der Zeit. Im Rückblick heißt es: Das war meine Zeit. In der Biografiearbeit blickt man auf einen kürzeren oder längeren Abschnitt der Lebenszeit. Erinnerung an geschenkte Zeit. Und damit Erinnerung, dass Zeit überhaupt geschenkt ist. Auch unmittelbar, jetzt.
Dr. Jens Colditz ist Theologischer Leiter der AEEB.
Petra Dahlemann
„Die 68er“
Gedenken und Erinnern in der Arbeit mit Zeitzeugen
Irgendetwas ist immer. Gedenken an Kriegsende oder Mauerfall, Kuba-Krise oder 68er Revolution. Bilder und Meinungen fluten dann Presse und Fernsehen. Jeden Tag schiebt ein anderer Experte das ernste Gesicht vor die Kamera. Und viele Kommentare sind auch in der Tat aufschlussreich in ihrer geschichtlichen Einordnung und Neubewertung der damaligen Ereignisse aus der Sicht des Historikers oder Gesellschaftswissenschaftlers. Gedenktage geben Themen. Gesprächsthemen am Frühstückstisch vielleicht, auf abendlichem Sofa beim Genuss von Anne Wills Talkrunde. So medial präsent gemacht, sind Gedenktage dann auch allgegenwärtiges Thema für Zeitzeugenarbeit.
„Wie habt ihr das erlebt?“
Etwa zwanzig Menschen im Alter zwischen 50 und 86 Jahren schreiben beim Zeitschreiber-Projekt des Evangelischen Bildungswerkes München im Auftrag der Stadt München die Geschichten ihres Lebens auf und gehen damit auf Lesungen. Es war 2008 und es hieß: Gedenken! Diesmal an die 68er. Das ganze Jahr über baten die einladenden GastgeberInnen: „Schreibt was darüber! Wie habt ihr das erlebt? Die 68er und so.“ Die vage Anfrage zeigte: Hier sind nur verschwommene Bilder im Kopf. Demos ja und Freiheit und ein erschossener Student am Straßenrand, Sex irgendwie, auch im Kollektiv, da war doch was. Mir, der Leiterin, wurde es blümerant.
Schon einmal, vor Jahren und ganz ohne Gedenktag, hatten wir die 60er Jahre in den Blick genommen und versucht, darüber zu schreiben. Aber da kam fast nichts. „Ich weiß nichts mehr, da hatte ich Familienphase.“ „Also, da ist mir nichts mehr in Erinnerung. Kinder eben.“ Trotzdem machten wir jetzt einen neuen Anlauf und siehe da: Eine Aufbruchstimmung wie im Frühlingswind ging durch die Texte. Gelebte Lebensfreude in der „Babalu“-Bar. Freiheit übersetzt in Haar- und Rocklänge, in Mitbestimmungsrecht in Betrieben. Ein Wort wurde Fleisch, begreifbar und sinnlich, sogar noch im Zuhören nach so vielen Jahren. Im Schwärmen sah man es der Zeitzeugin an, wie sehr diese Zeit sie geprägt hatte. Und die später Geborenen doch auch! Nicht nur die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre, nein, auch dies. Wo bleibt die vergleichbare Lebenslust der heute Mittvierziger, fragte ich mich. Und der ganz Jungen? Auch heiter war der Text einer Zeitschreiberin, die mehr zufällig in eine erste Demo in Hamburg gelaufen war, „Ho Chi Minh“- Rufe lernte und das Kauderwelsch der Soziologensprache.
Und dann kommt da ein Text, der macht ernst. Der geht an die Wurzeln zurück, an das Fragen und Unverständnis der Nachkriegsgeneration gegenüber den eigenen Eltern: „Als Leute gehindert wurden, jüdische Geschäfte zu betreten, warst du da in der Stadt?“, hatte so eine Teilnehmerin damals die Mutter gefragt. Und: „Ihr habt doch aber gewusst, dass Juden abgeholt werden?“ Weder mit Kühlschrank noch Waschmaschine, nicht mit Staubsauger, Fernseher oder Auto habe sich solches Fragen besänftigen lassen, nicht mit Antworten wie „Wo wir doch den Krieg verloren haben. Wo wir doch anschließend hungern mussten …“. Und der Text schließt mit den Zeilen: „Muss ich mir von denen allen noch irgendwas sagen lassen? Die sollen mir kommen und von Anstand und Moral erzählen, davon, dass unsere Musik verdorben sei …“. Unter uns entfaltet dieser Text Sprengkraft. Ein heftiges Streitgespräch entbrennt, das kaum noch zu moderieren ist. Einige pflichten mit Leidenschaft diesem kritischen Geist bei und erzählen die Geschichte der 68er, ihre Geschichte, so und nicht anders. Aus der Ablehnung gegen die autoritäre „Tätergeneration“ habe sich die Rebellion entwickelt. Andere, die damals schon gegen das Demonstrieren waren, wettern dagegen, als wäre es gestern gewesen, nein, als wäre es heute: “So kann man doch mit den Eltern nicht reden!“ und “Demonstrieren, das hat damals schon nichts gebracht …“.
Der Riss, der damals spaltete, geht mitten durch die Gruppe. Es ist 2008 und kein Tag scheint seither vergangen. Und dann liest eine der ältesten Frauen im Projekt „Wie ich die 68er erlebt habe“. Nämlich als Mutter von neun Kindern, die den Streit um „freien Sex“ und gegen „alte Zöpfe“ mitten in ihrer Familie hatte. A propos Zöpfe. Mit 5,- DM wurde der Friseur bestochen, so erzählt sie, damit er dem Sohn „versehentlich die Haare zu kurz schnitt.“
Denn Grenzen musste es doch geben, oder nicht? Und eine weitere Kluft tut sich auf: Das unterschiedliche Erleben der damaligen „autoritären“ Eltern und rebellischen Kinder. Leidenschaft, heftige Gefühle zeigen die Werte, die es einem schon damals „wert“ waren zu kämpfen. Nun manifestieren sie sich neu im (unausgesprochenen) Wunsch, Bilanz zu ziehen. Ist denn etwas erreicht worden? Wie sieht die Welt aus, in der wir heute leben? Habe ich etwas dazu beigetragen? Weit weg sind jetzt die ruhigen Einordnungen der Historiker im Fernsehen, wie in einer Zeitkapsel fühlt man sich, wie zurück gebeamt und man selbst ist als 62er Jahrgang – fremd. Bequem hat man es sich machen können auf den Errungenschaften des so Erkämpften, stritt selbst nur noch mit halber Kraft. Wackersdorf als letztes Highlight eines sichtbaren politischen Bewusstseins, danach Stille, Kohl-Ruhejahre und dann lohnte sich doch ein Aufstand sowieso nicht mehr, oder? Jähe Schamgefühle angesichts der eigenen politischen Faulheit und fast so etwas wie Neid auf die Leidenschaft, die festen Werte und den unhinterfragten Optimismus: Ja, Gesellschaft lässt sich verändern, ja, wir können es schaffen, yes we can.
Geschichten klingen nach Märchen
Als wir nun mit den Texten auf Lesungen gehen und zur Diskussion bitten, begegnen wir den Erfahrungen einer noch mal ganz anderen, einer vierten Generation. Mitte zwanzig sind die meisten unserer ZuhörerInnen in Deutschklassen der Volkshochschule zum Beispiel, und sie kommen aus allen Ländern der Erde. Noch fremder ist den Menschen vielerorts solcher Aufstand, heute, im modernen Japan beispielsweise, und wenn man in die milde erstaunten Gesichter der Zuhörenden schaut, meint man fast, hier mit Geschichten zu kommen, die mehr nach Märchen klingen als nach Dokumentation. Aber die Diskussion zeigt dann, wie sehr sie gebraucht werden, diese Geschichten. Nämlich als Mutmachgeschichten. So kann man es schaffen, so wurde es geschafft. So fröhlich und lebendig sind die Menschen von damals heute, immer noch mitten im Leben, aktiv und politisch interessiert. Das macht Lust und stiftet an. Und dann scheint es fast, als käme so ein Gedenktag gerade zur rechten Zeit, als wäre es hohe Zeit für die Erinnerung gerade dieser historischen Erfahrung. Weil sie jetzt gesellschaftlich wieder gebraucht wird.
Aufrichtigkeit ist ein wichtiger Aspekt
Bei der Lesung im Seniorenclub, bei den Hochaltrigen kommt es dann witzigerweise zu weiteren Verwerfungen. Eine Zeitzeugin erzählt, sie sei während der 68er zwar nie auf einer Demo gewesen, aber der Aufstand gegen Autoritäten habe sich mitten in ihrer Familie abgespielt. Als ihr Vater sich kränkend gegenüber einer farbigen Freundin und deren Tochter geäußert habe, habe sie ihn wütend des Hauses verwiesen. Einige der über 80jährigen machen daraufhin lautstark ihrer Empörung Luft. Ob sie denn gar keinen Respekt vor den Eltern habe! Die hätten doch Deutschland wieder aufgebaut! - „Nachdem sie es vorher zerstört haben!“, murmelt zornig eine andere Zeitschreiberin. „Ihr könnt da gar nicht mitreden! Ihr hättet auch nicht anders gehandelt damals ...!“ Immer neue Stimmen! Hohe Wogen! Hier ist Moderation gefragt, denke ich, und werfe mich eiligst und schützend vor meine Teilnehmerin. `Himmel!´ denke ich, `schon wieder der 68er Konflikt im Raum!´ Die Zeitzeugin braucht meinen Schutz nicht. Würdevoll antwortet sie: „Ich habe nie behauptet, ich hätte es im Faschismus besser gemacht. Ich habe den Eltern nur zum Vorwurf gemacht, dass sie nicht ehrlich darüber geredet haben.“
Aufrichtigkeit ist ein wichtiger Aspekt. Offenbar braucht es neben den Wissensspeichern aus Bild und Papier auch den menschlichen Faktor. Die Zeitzeugen von geschichtlichen Ereignissen, in deren Gesichtern man ebenso „lesen“ kann wie in ihren Worten. Deren Stocken und Zögern man ebenso hört wie ihren Nachdruck. Ist da ein falscher Ton? Wird da etwas ausgelassen? Denn das ist die andere Seite, der Preis für die „Verflüssigung von Geschichte“ durch das Zeitzeugenwort: Die Standpunkte und Meinungen, ja sogar die Berichte des „selbst Gesehenen“ sind extrem subjektiv. Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass jede Lebensgeschichte, die man erzählt, zu einem Stück Fiktion wird, allein durch die Auswahl, das Ausgrenzen dessen, was man nicht erzählt. Und dann durch die Färbung, die Art und Weise, wie man die eigene Lebensgeschichte erzählt. Sieht man sich als Opfer? Ist es eine Schmerzgeschichte, das eigene Leben? Oder eine Lerngeschichte? Eine Reise zum Glück? Dann spielen auch die Rahmenbedingungen, in denen die Erfahrung damals gemacht wurde, eine große Rolle. War Besatzungsmacht schrecklich? Kommt darauf an. Wo man war, welche man erlebte und welcher Mensch das konkrete Gegenüber war. Die Furcht vor „den Russen“ oder gar „dem Russen“ spielt in vielen Zeitzeugentexten eine ungeheuere Rolle und doch entstand in unserem Projekt auch die zarte Geschichte vom „bösen Feind“, in der für einen Moment Frieden möglich war.
Beim Thema Faschismus ist der Aspekt der Subjektivität und „Färbung“ der Erinnerung noch viel brisanter als beim Thema Nachkriegszeit oder „68er“. Auch die gastgebenden ZuhörerInnen, viele aus anderen Ländern, fragen: „Habt ihr wirklich nichts gewusst, im Nationalsozialismus?“ Kommt drauf an. Konnte man etwas wissen? Wollte man etwas wissen? Je länger man Zeitzeugenarbeit macht, umso tiefer wird der innere Seufzer bei solcher Frage, so geht es jedenfalls mir. Wieder stehen einem diese Tonnen an Papier vor Augen, die darüber geschrieben wurden, die Jahrzehnte der Forschung, und doch ist die Frage in der privaten Begegnung von Menschen aktuell wie eh und je und notwendig. Oft geht es den Fragenden dabei nicht nur um ein Verstehen deutscher Geschichte. Dahinter steckt gleichzeitig die Frage: Und wie geht Ihr mit Eurer Geschichte um? Darf man so etwas hier fragen? Fragt Ihr es Euch selbst? Wie weit geht das Tabu? Verzeiht Ihr Euch? Und schon diese unterschwellige Plural-Anrede ist ein Irrtum und äußerste Vorsicht ist geboten, wenn die Antwort darauf jetzt mit „wir“ beginnt. Das kann nur falsch sein. „Wir haben nichts gewusst“ - genauso eine Lüge wie „Wir haben alles gewusst“. Manchmal staunt man auch, wenn dieselbe Teilnehmerin, die vor zehn Jahren äußerst präzise auf diese Frage mit ihrer persönlichen Geschichte geantwortet hatte, nun zum „wir“ anhebt, dieselbe Frau. Aber offenbar erzählt sie sich nun ihre eigene Geschichte anders. Hier ist Moderation gefragt. Hilfreich ist auch, von Anfang an mit einer Gruppe Zeitzeugen aufzutreten, die einander ergänzen können.
Es ist gut, dass es beides gibt. Die Wissenschaft, die sammelt und bewertet, über die einzelne Erfahrung hinaus. Daneben ist die Einzelstimme unendlich wertvoll, die sagt: „So habe ich das erlebt. Und das hat es mit mir gemacht.“ Und der Zuhörende lauscht in sich hinein und fragt sich: Wie werde ich einmal sprechen? Wie viele Varianten meiner Geschichte gibt es? Alles fließt.
Petra Dahlemann M.A., Germanistin und Theaterwissenschaftlerin, ist Bildungsreferentin beim Evangelischen Bildungswerk München.
Beate Wurziger-Keltsch
Wie ich die DDR erlebte
Eine biografische Erinnerung
Sechziger und Siebziger Jahre
69 Menschen und fünf Hunde lebten in dem kleinen Dorf, in dem ich bis zu meinem 18. Lebensjahr aufgewachsen bin. Die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland war damals für mich normal. Von Spitzeln und Stasi wusste ich lange Zeit nichts. Ich erlebte eine geborgene Kindheit in meinem Elternhaus, verbrachte große Teile meiner Freizeit auch bei meinen Großeltern, die im selben Dorf wohnten. Die Schule gefiel mir, das Lernen machte mir Spaß, ich brachte gute Noten nach Hause - und natürlich war ich ein „Junger Pionier“, trug mein blaues Halstuch und gab mir stets Mühe, nach den Vorstellungen der „Pioniere“ zu handeln: hilfsbereit und diszipliniert zu sein und nicht nur meine Eltern, sondern auch mein Vaterland zu lieben. Nichts war mir daran verdächtig. Und so bot ich eifrig im Bus älteren Menschen meinen Platz an, half schwere Taschen zu tragen und bastelte Zitronenschweinchen für die allein stehende Nachbarin als Weihnachtsgeschenk.
Zwischenfälle sorgten für Aufregung
Eines Tages wurde meine Mutter, die als Grundschullehrerin arbeitete, zur Direktorin bestellt. Dort fragte man sie, ob sie Mitglied der Kirche wäre. Diese Frage war in insofern brisant, als dies für eine Lehrerin im DDR-System hieß, gegen den Staat zu handeln, in dessen Auftrag sie ja angestellt war. Wahrheitsgemäß verneinte meine Mutter, erklärte, dass wir öfters Kirchengebäude besichtigen, aber nicht gläubig seien. Der Hintergrund: Ein Kind aus meiner Klasse hatte die Vermutung, unsere Familie sei Mitglied einer Kirchengemeinde, zu Hause erzählt, die Eltern hatten es an „höhere Stellen“ weitergegeben. Ich war damals im ersten Schuljahr.
Als mein Bruder 16 Jahre alt war, hatte er einen sehr schweren Unfall. Davon erfuhren auch unsere Verwandten im Westen und wollten ihm mit einem Buch über die Fußballweltmeisterschaft eine Freude machen. Das Paket kündigten sie per Brief an. Als das Paket schließlich bei uns ankam, fehlte das Buch. Wir hatten das schon vermutet, denn der Briefumschlag war oben, in der Mitte, ein wenig eingerissen. Ein Bekannter, der bei der Post arbeitete, hatte uns verraten, dass solche Risse entstehen, wenn die Briefe in den „Leseautomaten“ an der Grenze eingeklemmt werden. Mit diesen Automaten wurde die Post kontrolliert.
Politische Einflussnahme
Ab der Mittelstufe hatten wir in der Schule ein Zusatzfach. Es hieß „Politinformation“ und fand in der Regel vor dem üblichen Unterricht um 7 Uhr morgens ein Mal pro Woche statt. Dort wurden politische Ereignisse abgefragt oder auch diskutiert. (Gewöhnlich packten wir zu Hause in aller Eile das „Neue Deutschland“ - das Presseorgan der SED - ein und verzierten im Unterricht heimlich die Gesichter der Politiker mit Bärten.) An einem solchen Tag fiel mir morgens auf dem Weg zur Schule mal wieder ein, dass ich auf die „Politinformation“ nicht vorbereitet war. Ich fragte auf die Schnelle meine Mutter, was sich denn in der vergangenen Woche politisch so ereignet hatte. Sie erzählte mir einiges - und ich fragte: „Wie stehen wir dazu?“
Mit „Wir“ meinte ich den Staat, die offizielle DDR-Meinung. Meine Reaktion „Wie stehen wir dazu?“ war typisch: Ich hatte nicht gelernt, mir zu politischen Themen mein eigenes Urteil zu bilden - das war auch nicht erwünscht.
Als ich 18 Jahre alt war, begann ich an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena mit dem Studium: Philosophie. Wir lernten schnell das Einteilen philosophischer Schriften in „gute“ Gedanken, das heißt materialistisch-dialektische, und in „falsche“ Gedanken, also idealistisch und materialistisch-mechanisch. Das sozialistische Weltbild konnte auf diese Weise unproblematisch als das beste herausgefiltert werden, was ja auch das uns vorgegebene Ziel war. Das ging so lange gut, bis wir eines Tages einen Professor bekamen, der von der Freien Universität (West) Berlin zu uns übergesiedelt war. Er lehrte uns, nicht mehr nur schwarzweiß zu denken, sondern zu versuchen, auch Gedanken, die nicht in die DDR-Schablone passten, unvoreingenommen zu betrachten. Diese Sichtweise war für uns völlig neu.
Unter Beobachtung
In dieser Zeit erfuhr ich auch von einer Kommilitonin, dass sich in jeder Seminargruppe mindestens ein Stasispitzel befand. Meist wären dies Jungs, die vor dem Studium mindestens drei Jahre bei der Armee gewesen waren. Sie hätten den Auftrag zu beobachten: Wer wie oft am Wochenende nach Hause fährt, welche Freunde jemand hat, wie seine Freizeit verbringt und sich zu verschiedenen Themen äußert. Ich erkannte: Auch ich selbst stand also unter Beobachtung. Ein blödes Gefühl. Ein Nachdenken setzte ein, wer in unserer Gruppe wohl der Spitzel sein könnte.
1989
Die Montagsdemos begannen. An unserer Fakultät wurde die politische Lage hart diskutiert. Schließlich bildeten sich zwei Lager: ein konservatives, das für ein strenges Durchgreifen und ein Aufrechterhalten der bisherigen Werte war, und ein progressives, das Veränderungen forderte. Ich gehörte zur zweiten Gruppe und kam somit in einige innere Konflikte.
So erhielt die Kampfgruppe der Uni (militärisch ausgebildete Ehrenamtliche zum Schutz der Einrichtung) den Auftrag, gegen die Demonstranten vorzugehen. Ich war dorthin „delegiert“ worden - so nannte man es elegant, wenn man das Wort Zwang vermeiden wollte. Den Befehl verweigerte ich. Dem zuständigen Kommandeur ist es zu verdanken, dass diese Entscheidung für mich an der Uni keine negativen Folgen hatte.
Der Mauerfall traf uns trotz allem völlig überraschend. Ich erfuhr davon aus dem Fernsehen. Es war ein Ausnahmezustand. In den Studentenclubs war der Sekt ausverkauft. Zwei Tage nach der Grenzöffnung fuhr ich in den Westen. Die Züge und S-Bahnen waren verstopft, überall hatten meine Landsleute Bananenschalen und Coladosen hingeschmissen. Ich schämte mich fürchterlich für sie.
Von unserer Familie war mein Bruder der einzige, der den unendlich langen Behördengang auf sich nahm und seine Stasiakten zur Einsicht anforderte. Allein in unserem kleinen Dorf waren drei Menschen informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen.
Lebenswende
Durch die politische Wende hat auch mein Leben eine Wende erfahren. Meine Eltern und Großeltern sind vor Jahren verstorben und hatten leider nur kurze Zeit, die neue Zeit erleben zu dürfen.
Ich habe nach vielem Nachdenken und Philosophieren meinen Weg zu Gott gefunden und mich vor 10 Jahren taufen lassen. Im Westen Deutschlands habe ich auch meinen Mann kennen gelernt. Zusammen haben wir einen wunderbaren siebenjährigen Sohn. Er kennt die DDR nur vom Erzählen - aber zwei Dinge möchte ich ihm mitgeben: Nichts muss für immer bleiben - und man sollte nie blind vorgegebenen Richtlinien folgen, sondern sein Handeln stets vor dem eigenen Gewissen prüfen.
Beate Wurziger-Keltsch ist Geschäftsführerin und Pädagogische Leiterin des Evangelischen Bildungswerks Selb/Wunsiedel.
Petra Schnabel
Unsere Besten
Geschichte sucht den Superstar
„Unsere Besten“ – so heißt die Reihe des ZDF, in deren Rahmen Zuschauerinnen und Zuschauer über Erinnerung abstimmen. Zum „größten Deutschen“ wurde nach diesem einschaltquotenträchtigen Prinzip vor Luther und Marx Adenauer gekürt. Zwar sind wir noch nicht bei der täglichen Bismarck-Seifenoper im Vorabendprogramm angekommen, doch unbestritten: Medien produzieren Stars. Das gilt nicht nur für Dieter Bohlen, sondern ebenso für die Konstruktion von Vorbildern und der Deutung von Ereignissen im Zuge der kollektiven Erinnerung. Es stellt sich die Frage, wen wir wie erinnern.
Dabei finden die institutionalisierte Erinnerung und ihre Orientierung an gegenwärtigen Wertideen in Geschichtsdokumentationen ebenso statt wie in Spielfilmen, Werbespots oder politischen Auseinandersetzungen. Dass Geschichte und Erinnerung hierbei umstrittene Arenen darstellen, zeigen die jüngsten Beispiele der Diskussionen um die Besetzung des Stauffenberg mit Tom Cruise und im Zuge der Verfilmung des „Baader-Meinhof-Komplex“. Kernstück der Debatten stellt nicht allein eine „Sehnsucht nach Wahrheit“ dar, sondern auch der Wettstreit von Wertvorstellungen und Überzeugungen von political correctness.
In diesem Kontext steht die Bildungsarbeit vor der Herausforderung, die Deutungshoheit im Starkult nicht allein dem medialen Diskurs und den Regeln der Medienöffentlichkeit zu überlassen. Politische Sozialisation umfasst auch das Reflektieren historischer Ereignisse und deren Konstruktionen. Dies gilt umso mehr, da zur Identitätsbildung auch das Gewahrwerden der eigenen Geschichte im kollektiv-gesellschaftlichen Kontext gehört. Damit Lernen aus Geschichte stattfinden kann, muss Bildungsarbeit den Raum schaffen, jenseits von Jubiläen, Trends und Emotionalisierungen Biographien, Erinnern und Geschichte vielfältig zu diskutieren. Denn die Gesetzmäßigkeiten des Erinnerns haben sich verändert. Wo früher (religiöse) Feste und der Familienkreis Geschichte(n) weitergaben, werden Vergangenheitsdeutungen in einer pluralen Öffentlichkeit ebenfalls pluralisiert. Erinnerungskultur wird im Zeitalter nach der medialen Revolution zur „Geschichte in der Öffentlichkeit“, die zentrale Größe ist Aufmerksamkeit.
Dass hierbei die Politisierung von Geschichte einen wesentlichen Teil der Selbstverständigung pluralistischer Gesellschaften bildet, stellt für die Arbeit im Bildungsbereich eine Chance zur notwendigen, offenen Diskussion dar. Demokratie bringt mit sich, dass verschiedene Deutungen auch über historische Ereignisse und Personen nebeneinander existieren. Medien wie das Internet unterstützen dies durch die Verflüssigung von Information, sie bleibt nicht statisch gespeichert wie z. B. im klassischen Medium Buch. Ob diese Dynamik eine weltweite Angleichung von Erinnerungskultur und Wertverständnissen (v. a. im Jugendbereich) mit sich bringt, bleibt abzuwarten und zu begleiten.
Im Zuge der Suche nach historischen Stars und der Antwort auf die Frage, wen wir wie erinnern, kommt der Bildungsarbeit die Aufgabe zu, dieses dynamische Feld mitzugestalten. Im Rahmen von Identitätsbildung und Wertorientierung sind historisches Bewusstsein und Wissen nötig, um historische Persönlichkeiten selbst einschätzen zu können sowie Konstruktionen kritischer zu begegnen – und in diesem Bewusstsein eventuell kund zu tun, dass der Kaiser keine Kleider trägt.
Literatur
Classen, Christoph: Medien und Erinnerung. I,n: Dossier Geschichte und Erinnerung. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2008.
Hockerts, Hans Günter: Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B28/2001.
Ullrich, Wolfgang / Schirdewahn, Sabine (Hg.): Stars. Annäherungen an ein Phänomen. Frankfurt 2002.
Petra Schnabel, Dipl.-Politologin, ist Studienleiterin für das Junge Forum in der Evangelischen Akademie Tutzing.
Dieter Weber
Böhmische und andere Dörfer
1989 und die politische Bildungsarbeit des Evangelischen Bildungswerks Regensburg
Nur 100 Kilometer von Regensburg entfernt - doch im Kopf so unendlich weit weg, viel weiter als Italien oder Spanien, beladen mit historischem Ballast, mit Blockaden und Vorurteilen einer „verknoteten Geschichte“ (Peter Becher) - das war 1989 Regensburgs nächster Nachbar: Tschechien.
Grenzöffnung - neue Bildungschancen
In der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit verankert, hatten wir 1989 eigentlich vor, uns mit dem Dritte-Welt-Tourismus, besonders in Lateinamerika auseinander zu setzen. Dafür errichteten wir eine AB-Maßnahme. In deren Aufbauphase kam völlig unerwartet die Öffnung der Grenzen und - ein Schlüsselerlebnis - kurz danach die Eröffnung des ersten Bordells in Tschechisch-Eisenstein. Warum sollten wir uns mit Dominikanischer Republik etc. auseinandersetzen, wenn plötzlich vergleichbare, höchst fragwürdige Entwicklungen nur 100 Kilometer entfernt abliefen? Und eine weitere Überlegung: Die Öffnung bot die Chance, eine andere Form von Reiseangeboten zu entwickeln: Reisen, die ökologisch sind (Rad, Zug, Bus, zu Fuß) und Begegnung mit den wenig bekannten Nachbarn ermöglichten, mit ihrer Kultur, ihrem Alltag, ihrer mit uns schmerzhaft verbundenen Geschichte, ihrer Landschaft - „verknotete Geschichte“ ein klein wenig für eine bessere Zukunft entwirren.
Diese Notwendigkeit machte auch ein von uns im selbigen Zeitraum durchgeführtes Projekt über die Wahrnehmung des Städtetourismus in Regensburg deutlich. Straßenumfragen der Gruppe „Drehmoment“ zeigten: Mit der Zunahme des Tourismus hatten die Regensburger kein Problem, solange es sich um Amerikaner, Japaner, Italiener handelte – aber bitte nicht Tschechen. (Die nutzten damals die neue Offenheit und kamen häufiger mit Bussen ins nahe Regensburg). Es gab gar Bemühungen, die verhindern wollten, dass tschechische Busse nahe der Altstadt parken durften („Die kommen zum Klauen“).
So startete unser Programm „Begegnung mit Böhmen“, heute fest etabliert mit jährlich Dutzenden von einwöchigen Reisen (vom „Jüdischen Prag“ über „Literarisches Prag“, die „Böhmerwald-Rad-Touren“ zu Adalbert Stifter, der „Kräuterwanderung im Riesengebirge“ zu Jan Skácel´s Mähren), mit zahllosen Begegnungen und Gesprächen über die Vergangenheit während der NS-Zeit oder im späteren Sozialismus bis hin ins Heute, mit Begegnungen, die Vorurteile ab- und gegenseitiges Verständnis aufgebaut haben.
Kennenlernen, Verständnis schaffen - diese Ziele verfolgten auch unsere Veranstaltungsreihen mit Titeln wie „Böhmen liegt in Regensburg“ oder „Böhmen liegt im Engelburger“. Im Lokal „Engelburger“ veranstalteten wir mehrere literarische Lesereihen von Hrabal und Capek über Klostermann zu Stifter und vor allem aus Böhmen stammenden Literaten. „Von Ersoffenen und Liwanzen“ (böhmischer Kochkurs), „Ahoj“ (Tschechisch „schnuppern“), Böhmens Musik, die Tschechische Literatur der Moderne, Reiner Kunzes Lesung von Jan Skácel, Menschen und Landschaften des Böhmerwaldes – das sind Beispiele von Themen mehrerer Veranstaltungsreihen „Böhmen liegt in Regensburg“. Neugierig wollten wir auf die alten und plötzlich wieder nahen Nachbarn machen.
Erinnerungen für die Zukunft
„Deutsch-Tschechische Erinnerungen für die Zukunft“ nannten wir eine weitere Veranstaltungsreihe mit zwei Ausstellungen, Autoren-Gesprächen und Begegnungen mit dem Pilsener Judentum. Pilsen ist die Partnerstadt von Regensburg. Der Titel könnte die Gesamtüberschrift unserer Bemühungen bilden. So lasen Pavel Kohout, Peter Härtling, Peter Brod, Josef Holub, Lenka Reinerová, Rosa Tahedl, Milan Augustin und Erica Pedretti, Literaten, die aus Böhmen oder Mähren stammen, tschechischer oder deutscher Abstammung und christlicher oder jüdischer Glaubensherkunft sind. Sie lasen aus ihren Büchern, die sich mit ihrer Herkunft und Vergangenheit beschäftigen, Vergangenes, Verlorenes ohne Revanchismus und zukunftsgewandt sichtbar und besprechbar machten.
Wie schmerzhaft und unwiederbringbar verloren diese Geschichte ist, machte besonders die mir unvergessliche Begegnung mit Lenka Reinerová deutlich. Sie kannte alle der Prager Literatenszene. Sie kannte Brecht, Kafka, Werfel, Seghers, Kisch und all die anderen, die in Prag lebten oder nach Prag vor den Nazis und von dort weiter emigrierten. Reinerová war die letzte (leider im vergangenen Jahr verstorbene) Literatin der großen tschechisch-deutsch-christlich-jüdischen Tradition, der Prager literarischen Kaffeehaustradition. Sie vereinte diese Tradition in ihrer Person, ein Elternteil deutsch, einer tschechisch, beide Juden. Sie musste als Jüdin und Kommunistin vor den Nazis fliehen und wurde nach ihrer Prager Rückkehr von den Kommunisten verhaftet. Sie lebte in Prag, schrieb auf Deutsch. Da sie den Kommunisten Prags suspekt war, durften ihre Texte in der Tschechoslowakei nicht erscheinen. Stattdessen, weil sie eine Freundin Anna Seghers war, erschienen sie in der DDR. „Verknoteter“ kann Geschichte wohl nicht mehr sein! Mit Lenka Reinerová starb diese Tradition.
Wie radikal die Zerstörung gelang, machten auch die Begegnungen mit dem Pilsener Judentum in Pilsen und in Regensburg deutlich. Außer der Synagoge, die die Nazis stehen ließen, da sie vollkommen eingebaut ist, blieb nicht viel übrig. Die jetzige, sehr kleine jüdische Gemeinde schafft es kaum, die Synagoge zu betreuen, geschweige denn, sich mit ihrer Geschichte zu befassen.
Schon der Titel einer Ausstellung im Kontext der „Deutsch-Tschechischen Erinnerungen für die Zukunft“, „Kde domov muj ...“ – zu deutsch: „Wo ist meine Heimat ...“ (so singt die tschechische Magd in einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, das vor den Toren seiner Heimatstadt Prag spielt – ein Gedicht, das später Eingang in die tschechoslowakische Nationalhymne fand) regte nicht nur zum Nachdenken und zu Gesprächen an. Nicht jedem schien klar, dass dieses Zitat der tschechischen Nationalhymne entstammt. Begegnungen der Menschen beider Länder, Europa, die Biologie und die Zukunft werden Hass und Rachegefühle glätten ...
Erinnerungen für die Zukunft, das war auch unser Leitmotiv für eine Veranstaltungs-reihe mit DDR-Oppositionellen. Unser Motiv: Wir glaubten, von dieser Bewegung lernen zu können. „Zivilcourage“ war das Stichwort - war doch die Erfahrung Deutschlands (im Unterschied z. B. zu Frankreich und anderen europäischen Ländern) neu, dass eine Bewegung des Volkes eine autoritäre Regierung hinwegspülte und das völlig gewaltfrei. In Regensburg war die Motivation, daraus zu lernen leider nicht sehr ausgeprägt – schade, eine verpasste Chance ...
Erinnerung als Voraussetzung für Versöhnung
Erinnerung als Voraussetzung für Versöhnung – viel zu lange versperrte die Geschichte die Auseinandersetzung mit dem Leiden jener Menschen, die im NS-Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. 1989 eröffnete sich auch hier die Möglichkeit, dieser vergessenen Opfer zu erinnern. Ein Arbeitskreis im EBW Regensburg trug all die (wenigen) Informationen über ehemalige Zwangsarbeiter in Regensburg zusammen und recherchierte.
10.000 Zwangsarbeiter waren es allein in Regensburg – ohne sie wäre die Wirtschaft im NS-Staat zusammengebrochen, die Landwirtschaft, die Rüstungsindustrie erst recht. Mit den Informationen führten wir Seminare und Vorträge durch, luden mit Unterstützung von Pax Christi, der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Stadt Regensburg ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus Tschechien, Polen, Russland, Weißrussland und der Ukraine nach Regensburg ein. Wir legten einwöchige Programme für sie auf, vom OB-Empfang und Empfang in jenem Betrieb, in dem sie einst Zwangsarbeit leisten mussten (manchmal wurden sie empfangen, vereinzelt sehr herzlich, andere, wie z. B. das Fürstenhaus waren dazu nicht bereit) über öffentliche Gesprächsrunden, Gespräche in Schulen u. a.. Zehntausende von Euros konnten wir sammeln, Menschen und (medizinischen) Projekten zukommen lassen.
Besonders die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der ehemaligen Sowjetunion wurden nicht selten nach ihrer Rückkehr von Stalin als „Verräter“ nach Sibirien verbannt. Viele von denen, die heute noch leben - meist über 80 Jahre alt – leben in Armut. Von 80 Euro Rente, oft krank, müssen sie davon die Medikamente selbst kaufen, manchmal noch einer Arbeit nachgehen und vereinzelt kranke Kinder miternähren. Was wir hier an Aktivitäten entwickelten, sprengte den Rahmen klassischer Erwachsenenbildung bei Weitem. Es ging oft an die Grenzen der Belastbarkeit, manchmal auch psychisch – so z. B. als ein Mann, der zusammen mit seiner Frau in Regensburg Zwangsarbeit leisten musste, mit uns jenen Friedhof besuchte, auf dem sein Kind, das nach seiner Geburt von NS-Schergen mit dem Gewehrkolben erschlagen wurde, begraben liegt. Wir luden ihn ein weiteres Mal ein, nachdem wir in der Zwischenzeit einen Grabstein aufgestellt hatten – seine Frau, die Mutter, schaffte es nicht, nach Regensburg zu kommen, zu tief war ihr Schmerz. Während seines Aufenthalts in Regensburg filmte unser Gast und interviewte mich, um es alles seiner Frau zu zeigen. Jahre später sprach mich eine von uns eingeladene ehemalige russische Zwangsarbeiterin an: „Ich kenne Sie aus dem Fernsehen.“ Zunächst musste ich in mich hineingrinsen, dachte: „Na ja, eine ältere Dame ...“ Aber dann erzählte sie mir den Inhalt von Film und Interview. Irgendwie war der Film ins russische Fernsehen gelangt.
Durch Seminare, Vorträge, Dokumentationen, Gesprächsrunden, ein Buch und die Pressearbeit wurde für interessierte Regensburgerinnen und Regensburger diese verdrängte Vergangenheit erfahrbar. Es wurde auch viel Geld gespendet, ein Krankenhaus untersuchte kostenlos Dutzende unserer Gäste. Für mich persönlich, neben den unvergesslichen Begegnungen, war das Wichtigste: Durch die Einladung wurde die leidvolle Geschichte dieser Menschen endlich ein Stück anerkannt und dem Vergessen entrissen. Wir konnten sie (hoffentlich) spüren lassen, dass es in Regensburg Menschen gibt, die (sich) an ihre Geschichte erinnern.
Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung. Wohl jede und jeder kennt den Satz. Erwarten können wir Versöhnung aber nicht – höchstens erhoffen – 1989 als Chance.
Dieter Weber, Dipl.-Pädagoge, ist Leiter des Evangelischen Bildungswerks Regensburg.
Hans Jürgen Luibl
Erinnern um zu versöhnen
Erinnerungsorte - Kristallisationspunkte europäischer Erinnerungskultur und religiöser Versöhnungsarbeit
Den europäischen Bildungsraum wahrzunehmen, das ist ein prinzipielles Anliegen von „bildung evangelisch in Europa“ (beE). Dabei genügt es nicht, sich auf die die nationalen und gesamteuropäischen Bildungsprogramme zu beschränken. Vielmehr geht es um die innere Entwicklung der europäischen Integration, sozusagen um das innere Bildungsgeschehen im äußeren Prozess, in dem Europa sich herausbildet und entwickelt. Dazu gehört das Projekt der „europäischen Erinnerungsorte“.
Die Prozesse des (versöhnten) Erinnerns haben und brauchen konkrete Orte, an denen solches Erinnern geschieht und die selber zum Bildungsprozess hinzugehören. Die Zielfrage also lautet: Welche Art europäischer Erinnerungsorte gibt es, welche Art von Bildungsarbeit geschieht hier und welche Funktionen haben solche Orte im Prozess der Integration und Versöhnung in Europa.
„Erinnern um zu versöhnen“ ist ein Kulturfondsprojekt, das von „bildung evangelisch in Europa“ in Kooperation mit „bildung evangelisch Erlangen“ durchgeführt wird. Es wird wissenschaftlich geleitet von Professor Dr. Peter Bubmann vom Theologischen Fachbereich der Universität Erlangen. Die Ergebnisse der einzelnen Workshops zu unterschiedlichen Fragestellungen (Erinnern in Theologie und Pädagogik, Erinnerung in den Medien, Katastrophen-Erinnerung und Identitätsentwicklung etc.) sollen in einer Buchpublikation zusammengeführt werden.
Dr. Hans Jürgen Luibl, Pfarrer, ist Leiter von bildung evangelisch Erlangen und bildung evangelisch in Europa.
Sigrid Schneider-Grube
Fromm – politisch – unbequem
Erinnerungen an evangelische „Jahrhundertfrauen“
Junge Frauen stürmen lachend eine Treppe herunter. Sie machten sich auf – einmal Diakonisse zu werden. Sie hatten Mut und die Kraft, Aufbrüche zu wagen. Eindrückliche Bilder dieser Art sind Teil der Ausstellung „fromm – politisch – unbequem“. Von großen Ausstellungsbannern schauen uns Frauen an, verträumt oder im Augenblick ihres Triumphes: Es sind Diakonissen, Theologinnen, Pfarrfrauen, Frauen, die als Verfolgte, als Flüchtlingsfrauen und als Engagierte in der Jugend- und Frauenarbeit, in Kirche und Politik gelebt und gewirkt haben, auch eine Archivarin ist dabei.
Die Ausstellung und das gleichlautende Begleitbuch „fromm – politisch – unbequem“ sind ein gelungenes Stück Erinnerungsarbeit von Frauen. Sich erinnern bedeutet, sich auf Spurensuche zu begeben, die eigene Vergangenheit zu finden und das Leben und Wirken von Frauen sichtbar zu machen. Geschichtsarbeit ist Erinnerungsarbeit. Diese Art der Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist Ausdruck von weiblichem Selbstbewusstsein und schafft wiederum Selbstbewusstsein.
In diesem Sinne hat sich eine Gruppe von Frauen – der Arbeitskreis „Frauenkirchengeschichte“ der Frauengleichstellungsstelle der Evang.- Luth. Kirche in Bayern - auf Spurensuche begeben, geforscht und die vorgenannte Ausstellung sowie das Begleitbuch erarbeitet. Es wurden biografische Daten von Kirchenfrauen aufgeschrieben, Nachforschungen betrieben, in Archiven gestöbert und noch lebende Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zum Leben der porträtierten Frauen befragt. Der Arbeitskreis besteht schon seit mehreren Jahren, setzt sich zusammen aus Frauen, die auf eine langjährige eigene haupt- oder ehrenamtliche Mitarbeit in Kirche und Diakonie zurückblicken können. Diese Frauen sind selbst Teil der kirchlichen Frauenbewegung und haben die letzten 50 Jahre in der Kirche mitgestaltet.
Die vorgestellten Frauen sind bekannte und unbekannte Frauen; es sind Frauen, die die Ärmel hochgekrempelt und in und für die Kirche und die Gesellschaft etwas bewirkt haben. Es ist lebendige Geschichte, die die Anfänge von feministischer Theologie skizziert und mehr Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen in der Kirche einfordert. Es sind Frauen, die zum Teil noch im Kaiserreich geboren wurden, den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Weimarer Zeit, den Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit und den Wiederaufbau der Bundesrepublik miterlebt hatten. Zusammen gekommen sind 19 Biografien von frommen und politisch engagierten evangelischen Frauen, die zeigen, was schon um die Mitte des 20. Jahrhunderts trotz aller patriarchalischen Strukturen in der politischen und kirchlichen Szene möglich war. Es sind Lebensläufe, in denen beispielhaft überkommene Rollenklischees und Rollenzuschreibungen durchbrochen wurden und Frauen sich mutig und tatkräftig dort eingemischt haben, wo sonst nur Männer zum Zuge kamen. Die jüngste der dargestellten Frauen ist 1917, die älteste 1883 geboren.
Unter den Frauen, die portraitiert sind, befinden sich Namen wie Magda Dietzfelbinger, Pfarrfrau und Mutter des späteren bayerischen Landesbischofs Hermann Dietzfelbinger, die Politikerin und Pfarrfrau Ingeborg Geisendörfer, Christel Schmid, die die Communität Casteller Ring gegründet hat, die drei Steiner Gründungsfrauen Antonie Nopitsch, Maria Weigle und Lieselotte Nold, die Theologinnen Ursula von Mangoldt, Käthe Rohleder und Helene Burger, die politisch und ökumenisch aktiven Frauen, wie Else Müller, Lore Gollwitzer und Irene Welmann. Aber auch vergessene und während der Nazizeit verfolgte Frauen, wie Elisabeth Braun und Clementine Lipfert, sowie die Flüchtlingsfrauen Lotte Kornhuber und Marie-Christine Zeiske sind dabei.
Drei Adjektive charakterisieren diese Ausstellung
Fromm ist eine Aussage über die Beheimatung der Frauen in der Kirche. Es handelt sich bei den vorgestellten Frauen um bewusste Christinnen, die Verantwortung übernahmen.
Politisch ist als Hinweis zu verstehen, dass die Teilhabe der Frauen an Kirche sich öffentlich abspielte und als Bildungsarbeit bzw. als politische Befreiungsarbeit zu verstehen ist.
Unbequem bedeutet, dass Frauen die Beschränkungen, die sie erlebten, nicht akzeptierten, Widerstand leisteten und mit ihrem Engagement aneckten.
Fazit ist, dass diese Ausstellung 100 Jahre Frauenkirchengeschichte vereinigt und ans Licht bringt, was allzu leicht in Vergessenheit gerät. „Fromm – politisch - unbequem“ soll an vielen Stellen in Bayern gezeigt werden und zur eigenständigen Spurensuche vor Ort motivieren. Dies geschieht u.a. auch in der Weise, dass vergessene Biografien vor Ort ergänzt werden. So sind folgende Frauenbiografien bereits hinzugekommen: in Bad Windsheim die Widerständlerin Anni Schunk, in Kempten die Pfarrerin Inge Nimz, in Amberg die Pfarrerin Liesel Bruckner, in Augsburg die Pfarrfrau Uta Betzel. Den Dekanatsfrauenbeauftragten und dem Engagement von Evangelischen Bildungswerken ist es zu verdanken, dass vielfach ein individuelles Rahmenprogramm angeboten wird. Unterstützt wurde das Entstehen der Ausstellung und des gleichnamigen Buches vom jungen evangelischen Kirchenmuseum „Kirche in Franken“ in Bad Windsheim, einer Abteilung des Fränkischen Freilandmuseums des Bezirks Mittelfranken.
Sigrid Schneider-Grube, Kirchenrätin i. R., ist Leiterin des Arbeitskreises
Frauenkirchengeschichte der Frauengleichstellungsstelle.
Stationen der Ausstellung „fromm – politisch - unbequem“
Die nachstehende Aufstellung zeigt, in welchen Dekanaten und evangelischen Bildungswerken die Ausstellung schon Station gemacht hat und welche weiteren Stationen noch geplant sind, bis die Ausstellung 2010 beim Ökumenischen Kirchentag in München gezeigt wird. Soweit der Ausstellungsort bereits feststeht, ist er angegeben.
08.03.-18.05.2008 Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim:
Ausstellungseröffnung und Buchpräsentation
31.05.–20.07.2008 FrauenWerk Stein e.V. im Rahmen des 75-jährigen
Jubiläums
23.07.–03.09.2008 Dekanat Kempten: St. Mangkirche
20.09.–04.10.2008 EBW Sulzbach-Rosenberg: Paulanerkirche Amberg
06.10.–27.10.2008 Landeskirchenamt München
03.11.–28.11.2008 Dekanat Gunzenhausen:
Schalterhalle der Sparkasse und Lutherhaus
01.12.08–12.01.09 Diakonie Neuendettelsau: Wilhelm-Löhe-Str. 23
16.01.–13.02.2009 Annahof Augsburg: Annapunkt, Im Annahof 4
(www.evang-bildungswerk-augsburg.de)
01.03.–15.03.2009 Schweinfurt: St. Johanneskirche, Martin-Luther-Platz
23.03.–03.04.2009 Frauen auch im Rat Schnaittach (FaiR):
Schnaittach, Rathaus
11.04.-19.04.2009 Dekanat Bayreuth
20.04.–16.05.2009 Rothenburg o. d. T.: Franziskanerkirche
25.05.–05.06.2009 EBW Schwabach
11.06.–05.07.2009 München-Pasing: Himmelfahrtskirche
09.07.–30.07.2009 Evang.-Luth. Kirchengemeinde Grafenau
16.09.–30.09.2009 Nürnberg: Gustav-Adolf-Gedächtniskirche,
Allersberger Str. 114, 16-19 Uhr
06.10.–27.10.2009 Dekanat Nürnberg: P&Ö und Stadtakademie Nürnberg
31.10.–22.11.2009 Geistliches Zentrum Schwanberg
26.11.–20.12.2009 EBW Regensburg
28.12.09-18.01.10 Evang.-Luth. Kirchengemeinde Puchheim
27.01.–11.02.2010 Dekanat Kitzingen: Stadtkirche
(www.kitzingen-evangelisch.de)
17.02.-02.03.2010 Dekanat Neu-Ulm
07.03.–19.03.2010 EBW Traunstein
25.03.-26.04.2010 Dekanat Bad Neustadt/Saale: Ostheim vor der Rhön
30.04.–16.05.2010 Frauengleichstellungsstelle:
Ökumenischer Kirchentag (www.oekt.de)
Siehe auch:
www. bayern-evangelisch.de/www/engagiert/stationen-der-wanderausstellung.php
Das eigenständige Buch „fromm – politisch – unbequem“ kostet 11 Euro und kann über den Verlag Fränkisches Freilandmuseum in Bad Windsheim oder den Buchhandel bezogen werden (ISBN 3-926834-68-4).
Cornelia Stettner
Wurzeln der Zukunft
Meine Lebensgeschichte erinnern und bewahren
Als meine Mutter gestorben war, wurde mir bewusst, wonach ich sie noch alles fragen wollte und nun nicht mehr fragen konnte: „Wie war das damals als …?“
Susanne Löhner-Jokisch hat die Idee des CD-Projektes entwickelt. Sie hat das forum erwachsenenbildung - evangelisches bildungswerk nürnberg und die Initiative „Großeltern stiften Zukunft e.V.“ davon begeistert und die Pilotphase fachlich begleitet. Inzwischen halten 13 Frauen und Männer ihre persönliche CD in den Händen. Fünf Zuhör-Partnerinnen wurden geschult, die allesamt ehrenamtlich 3 mal 3 Stunden ganz Ohr für ihr erzählendes Gegenüber waren. Auswertungsgespräche mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen und den Zuhör-Partnerinnen zeigen, wie sehr sich alle bereichert fühlten. Dazu wörtliche Äußerungen:
„Noch am Tag vorher wusste man nicht, was beim Erzählen zutage treten würde: der Blumenduft aus meinem kleinen Garten, ein Unrecht aus den Jahren der Schulzeit, beruflicher Erfolg und Enttäuschung. Wenn man das nachher von der CD abhört, ist man verblüfft. Wollte ich eigentlich so berichten, so ausführlich, so ungeschützt, so selbstverständlich? Das war nur deshalb möglich, weil jemand zugehört hat, aufmerksam, geduldig, teilnehmend, respektvoll. Und so entstand mein eigenes Lebensbild, aufschlussreich für mich selbst und – sofern ich es später einmal öffne – für meine Kinder und Enkel.“ (B.D., eine Teilnehmerin)
„Das Miterleben einer Lebensgeschichte als Interviewerin hat meine Ehrfurcht gegenüber dem gelebten Leben eines Menschen sehr steigen lassen. Ich selbst wurde demütiger und gleichzeitig veränderte sich mein Blick auf meine eigene Lebensgeschichte. Ich betrachtete sie dankbarer und zuversichtlicher.“ (S.H., eine Zuhör-Partnerin)
Eine bekannte Situation
Sie gehören zur Generation der Großeltern und sind vielleicht tatsächlich Großmutter oder Großvater. Sie tragen in sich ein dickes Bündel an Erlebtem und Erfahrenem. Sie drängen es niemandem auf. Und Sie kommen auch für sich selbst kaum dazu, Einzelheiten hervorzuholen, nach Bedeutung und Zusammenhängen zu fragen. Vieles wird also nie in Worte gefasst oder festgehalten. Irgendwann fällt der bedauernde Satz: „Schade, man hätte viel mehr erzählen können ...“
Und eine neue Idee
Sie bekommen geschützte Zeit und erzählen sich selbst Ihr Leben – festgehalten auf einer CD. Sie heben Schätze, von denen Sie nichts mehr wussten. Sie beschenken sich selbst, einfach durchs Erzählen. Vielleicht wird die CD auch einmal ein besonderes Geschenk für Menschen, die Ihnen lieb sind: Kinder, Enkel, Freunde. Damit Sie und Ihre Stimme, Ihr Leben und Ihre Erfahrungen dann da sind, wenn es heißt: „Man hätte sich viel mehr erzählen sollen.“
Wie das geht?
Wir bringen Sie mit einer Zuhör-Partnerin oder einem Zuhör-Partner zusammen. Die oder der ist ganz für Sie Ohr: mit aktivem, ermunterndem, aber kaum eingreifendem Zuhören. In etwa 3 mal 3 Stunden erzählen Sie, was Ihnen aus und zu Ihrem Leben einfällt. Sie knüpfen an vergangene Zeiten, Menschen, Ereignisse an und kommen in Verbindung mit Ursprung und Wurzeln. Dabei stoßen Sie auf Schönes und Angenehmes, auf lange Vergessenes und neu Bereicherndes. Aber auch auf Schweres, vielleicht auch auf nicht Verarbeitetes.
Was Sie bekommen
Ihre Zuhör-Partnerin oder ihr Zuhör-Partner bringt, aus Beruf und persönlichem Engagement, hohe kommunikative Kompetenz und Erfahrung mit. Absolute Verschwiegenheit nach außen ist selbstverständlich. Die Gesprächsmitschnitte werden – technisch leicht überarbeitet – zu Ihrer ganz persönlichen CD.
Zeit, Organisation
Das Erzählen fließt von selbst – das ist die Erfahrung aller, die das bisher ausprobiert haben. Was Sie „nur“ mitbringen müssen, sind die Gelassenheit und innere Offenheit für etwa neun Stunden. Die Termine machen Sie individuell mit Ihrer Zuhör-Partnerin, dem Zuhör-Partner aus. Dazu stellen wir den Kontakt her.
Das forum erwachsenenbildung hat die Funktion der Informationszentrale übernommen. Ansprechpartnerin: Cornelia Stettner,
Tel.: 0911/2142132, E-Mail: feb.stettner@eckstein-evangelisch.de.
Cornelia Stettner, Diakonin, ist Geschäftsführerin im forum erwachsenenbildung - evang. bildungswerk nürnberg.
Susanne Herpich / Cornelia Stettner
LebensGeschichte(n)
Fortbildungen zum biographischen Arbeiten
Dass das gelingende Leben von Menschen im Mittelpunkt Evangelischer Erwachsenenbildung steht, ist nichts Neues und biographisches Arbeiten eine Selbstverständlichkeit. Neu ist allerdings, dass die Anforderungen an die biographische Kompetenz des Einzelnen steigen. Lebensläufe verlaufen noch weniger linear als früher, tragfähige Rollen müssen immer wieder neu entwickelt, Gestaltungsräume aktiv und sinnvoll ausgefüllt werden. Der dringend notwendige Dialog der Generationen braucht Orte, an denen er sich entfalten kann. Und Menschen, die am Ende des Lebens stehen, suchen Erzählräume und sinnstiftende Begleitung.
Individuell – passgenau - flexibel
Unser Modulsystem bietet ehrenamtlich oder hauptamtlich Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich ihre Fortbildungen passend zu ihrem persönlichen Interesse und jeweiligen Arbeitsfeld auszuwählen. Gleichsam einem Fächer, der beim Öffnen eine überraschende Vielfalt und Farbigkeit zeigt. Der persönliche „Fortbildungsfächer“ stellt für die je eigene Praxis das individuell zusammengestellte Repertoire an Wissen und Fähigkeiten dar.
Die Module
Grundlagen der Biographiearbeit:
Ich bin ich und ein Kind meiner Zeit - die Bedeutung biographischen Arbeitens
Wenn das Erzählen erstmal fließt … - Gespräche anregen, verstehen, steuern
Weg – Lebensteppich – Labyrinth … - in Bildern Lebensgeschichte verstehen
Methoden der Biographiearbeit:
Biographisches Arbeiten in und mit Gruppen
Erzählte Geschichte - bewegende Momente zwischen Zeitläufen und Biographie
Jetzt fällt mir etwas ein - Methodenwerkstatt zur Biographiearbeit
Lebensthemenbezogene Seminare:
Biographie und Gesundheit
Wir sind Suchende - Spiritualität und Lebensweg
Geschichten die das Leben schreibt - im Spiegel biblischer Lebensgeschichten
Wendepunkte in meinem Leben
Zielgruppenbezogene Seminare:
Spaziergänge im Sitzen - Biographisches Erzählen mit Älteren und Hochbetagten
Reifen und Loslassen - Biographie und Älter werden
Praxisberatungsgruppe:
Biographisches Arbeiten
Zusätzlich gibt es Fachtage zu spezifischen Themen, Ausstellungsbesuche und biographische Stadtführungen, die der Vernetzung, dem Austausch und der Fortbildung dienen.
Aus der Ausschreibung
Sie besuchen eine oder mehrere Einzelveranstaltungen nach Interesse oder Sie stellen sich aus den Einzelveranstaltungen ihr persönliches Fortbildungs-programm zusammen mit dem Ziel einer Zertifizierung. Das Zertifikat „Grundlagen arbeitsfeldbezogener Biographiearbeit“ erhalten Sie, wenn Sie eine bestimmte Anzahl an Fortbildungen aus den aufgeführten Modulen besuchen.
Empfohlener Zeitraum: 2 - 2,5 Jahre.
Voraussetzung: Tätigkeit in einem Praxisfeld, in dem biographisches Arbeiten angewendet werden kann.
Ihr Gewinn
Sie erleben unterschiedliche Formen biographischen Arbeitens und deren Wirkung, Sie erweitern Ihre persönliche biographische Kompetenz, Sie lernen theoretische Grundlagen der Biographiearbeit kennen, Sie erproben und reflektieren verschiedene methodische Zugänge, Sie üben biographische Gesprächsführung ein, Sie gewinnen Anregungen für die eigene Praxis, Sie werden durch das Leitungsteam begleitet.
Informationen:
forum erwachsenenbildung - evang. bildungswerk nürnberg,
Tel.: 0911/214-2131, www.feb-nuernberg.de
Evang. Bildungswerk Schwabach,
Tel.: 09122/9256420. www.ebw-schwabach.de
Susanne Herpich, Dipl.-Pädagogin, ist Pädagogische Leiterin im EBW Schwabach.
Cornelia Stettner, Diakonin, ist Geschäftsführerin im forum erwachsenenbildung - evang. bildungswerk nürnberg.
